Der Tiger in der Nachbarschaft
Publiziert in 44 / 2011 - Erschienen am 7. Dezember 2011
Laas – Der Exportorganisation Südtirol der Handelskammer Bozen (EOS) haben es Vertreter von 46 Vinschger Betrieben zu verdanken, dass sie dem „Tiger in den Alpen“, der Schweiz, kurz in die Karten blicken konnten.
46 Betriebe aus dem Vinschgau hatten sich zur Veranstaltung „Grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Klein- und Mittelbetrieben in lokalen Wirtschaftsräumen“ gemeldet. Die meisten hörten zum ersten Mal von einer „Italienischen Handelskammer für die Schweiz“ (Camera Commercio Italiana per la Svizzera – CCIS). Deren Marketingleiter Bruno Indelicato vermittelte im Josefshaus den Eindruck, dass man ins Ausland gehen muss, um doch noch positive Seiten des Stiefelstaates zu entdecken. Im Kurzvortrag über „die aktuellen Marktentwicklungen in der Schweiz“ warf der Musik-Journalist Indelicato nicht nur mit Ausdrücken wie „die Schweiz, der Tiger in den Alpen“ oder „kleines Land, große Wirtschaft“ um sich, sondern wies auch anhand von Zahlen nach, dass Südtirols Lebensmittelexport in die Schweiz im letzten Jahr um 18 Prozent zugenommen hatte.
„Das war wirklich neu für mich und hochinteressant“, kommentierte die Bezirksobfrau des Südtiroler Wirtschaftsringes, Rita Egger aus Eyrs. Zusammen mit EOS-Projektleiter Christian Schweigkofler hatte sie die Veranstaltung im Josefshaus eröffnet. Hausherr und Bürgermeister Andreas Tappeiner brach eine Lanze für die „einzig wahre Verbindung in die Schweiz“, für die Anbindung durch den Zug. WIFO-Mitarbeiter Stefan Perini war es vorbehalten, die „wirtschaftlichen Zusammenhänge Vinschgau – Schweiz“ offen zu legen und statistisch zu untermauern. Den Vinschgau nannte er „exportträge“, weil er - der Anrainer - nur auf ein Exportvolumen von 12,4 Millionen Euro in den Nachbarstaat komme. Laut Handelskammer lieferte Südtirol Exportgüter im Wert von 155 Millionen Euro in die Schweiz. An Gemeinsamkeiten zwischen Vinschgau und der Nachbarregion stellte Perini neben den historischen Wurzeln durch die „Bistumszugehörigkeit“ die geographische Einheit Vinschgau-Münstertal, das Dreiländereck als kulturelle Schnittstelle, die Mehrsprachigkeit, die Strukturschwäche, die Abwanderung, die schlechte Erreichbarkeit und die Berglandwirtschaft fest. Als Entwicklungschancen und Anknüpfungspunkte sah er die Interreg-Programme Italien-Schweiz, die Verbindung über die Rhätische Bahn, Internetanschlüsse für qualifizierte Dienstleistungsberufe, die Zusammenarbeit im Winter- und Radtourismus und kulturelle Initiativen. Es fiel der Begriff „Xong“.
Als Arbeitersohn mit Vinschger Wurzeln bezeichnete sich der Präsident des Handels- und Gewerbeverbandes, Gottfried Hohenegger, der über „Möglichkeiten und Opportunitäten für Südtiroler Unternehmen“ in der Graubündner Bauwirtschaft referierte. Zwar beteuerte er immer wieder, dass er keine Tipps geben wolle, aber seine eigene Lebensgeschichte war eine humorvoll vorgetragene, praktische Anleitung mit Empfehlungen, sich eine Nische, einen Schweizer Partner und einen Schweizer Mitarbeiter zu suchen, dazu die Schweizer Gesetze zu befolgen, Schweizer Löhne zu bezahlen, von Kontrollen zu wissen und die Tücken der „Garantieleistungen“ zu kennen.
Nach dem Praktiker betrat der „Bänker“ die Bühne. Dem hohen Anlegerschutz - etwas abschätziger dem Bankgeheimnis -, der soliden politischen Lage und der Finanztradition habe es die Schweiz zu verdanken, dass sie als „global Player“ auf dem Finanzmarkt auftreten könne, führte Martin von Malfér von der Raiffeisen Landesbank aus. Auf die Frage aller Fragen „Wie geht’s mit dem Euro weiter?“ bekam Moderator Christian Schweigkofler die Antwort: „Es muss das System refinanziert werden. Es muss wieder Liquidität bestehen und die einzige Hoffnung ist der Euro.“
Ein weiterer Höhepunkt des „Schweizer Tages“ in Laas war das Referat des Jungunternehmers Michael Gasser, dessen Terlaner Firma „Frutop“ sich mit „Herstellung, Zusammenstellung, Montage sowie Gross- und Einzelhandel von Witterungsschutzvorrichtungen“ - zusammengefasst Hagelschutz - befasst und nach vielen „Irrtümern und Versuchen“ inzwischen in St. Gallen angesiedelt hat. Den Schlusspunkt setzte EOS-Mitarbeiter Thomas Lunger mit den rechtlichen Aspekten im „Waren- und Dienstleistungsverkehr mit der Schweiz“.
Günther Schöpf