Im Kampf gegen Schilf, Gras, Ablagerungen und ungesetzliche Müllentsorgung bahnt sich eines der zwei Mäh-Boote den Weg durch den „Gießen“.

Zahlen oder absaufen

Publiziert in 45 / 2011 - Erschienen am 15. Dezember 2011
Naturns - So radikal bedrohlich klang „die letzte Mahnung“ des Bonifizierungskonsortiums natürlich nicht. Als Vorsitzender der „Etschgenossenschaft Etschbaufonds Naturns-Töll“ hatte Florian Ruatti seinem Sekretär Herbert Höllrigl das Mahnschreiben aufsetzen lassen, um Mitgliedsbeiträge und Anteilsgebühren von 2008, 2009 und 2010 einzufordern. Diese Art von „Geldeintreiberei“ kurz vor Weihnachten war einigen Kleinhäuslern in und um Naturns sauer aufgestoßen. „Wie kommen wir dazu, für etwas zu zahlen, was über die Erschließungskosten schon an die Gemeinde abgegeben worden ist?“, fragten sie sich. Dies war für den „Vinschger“ Anlass, sich am Sitz der Genossenschaft in Naturns umzusehen. Dort wurde vor allem viel Historisches entdeckt. Vor 100 Jahren gehörte der Untere Vinschgau zu den vom Hochwasser bedrohten Landstrichen und war extrem abwanderungsgefährdet. Auf Geheiß seiner Majestät Kaiser Franz Josef I. wurde vor 100 Jahren ein Konsortium gegründet, das aufwändige Entwässerungsmaßnahmen durch Damm- und Grabenbauten durchführen ließ. Das war der Anfang für den wirtschaftlichen Aufschwung und vor allem die Voraussetzung für den Bau der Eisenbahntrasse im Jahre 1906. Damals hieß es für die Grundbesitzer in der Talsohle der Gemeinden ­Naturns, Plaus, Algund (mit Ried) und Partschins ganz einfach: zahlen, absaufen oder abwandern. Sie hatten damals 20 Prozent der Kosten zu tragen und sind seither für die Erhaltung der Entwässerungsgräben zuständig. „Die Säuberung und die Pflege der 20 Kilometer Gräben und Kanäle mit zwei Angestellten und unserem Maschinenpark können wir nur über die 16 Euro Mitgliedsbeitrag und über die auf 40 Euro pro Hektar festgelegten Gebühren bestreiten“, gab Präsident Ruatti zu bedenken. „Zum Beispiel müsste jemand, der auf 500 Quadratmetern ein Häuschen mit Parkplatz, Kräutergarten und Liegewiese sein Eigen nennt, jährlich 16 Euro plus 0,4 Cent mal 500 bezahlen“, rechnete Sekretär Höllrigl vor. „Es kann schon mal vorkommen, dass man ein erstes Erinnerungsschreiben ablegt und vergisst.“
Günther Schöpf
Günther Schöpf
Vinschger Sonderausgabe

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