Los von Bormio!
Publiziert in 10 / 2009 - Erschienen am 18. März 2009
Unter „Natur pur“ verstehe ich Gebiete, die der Mensch weder besiedelt noch bearbeitet, sondern nur besucht. Wer einen Nationalpark betritt, ist ein Besucher der Natur. Bis vor kurzem galten auch jene als Besucher des Nationalparks, welche die Apfelplantagen in der Talsohle betraten. Es hat lange gedauert, bis es gelungen ist, die Talsohle aus dem Parkgebiet auszuklammern. Täler wie Martell oder Sulden sind noch immer zu 100 Prozent Parkgebiet, obwohl auch dort nicht alles „Natur pur“ ist. Mit dem Parkplan und der Schaffung von Zonen unterschiedlicher Schutzintensität soll eine Art Staffelung des Gebietes vorgenommen werden. Das Gelbe vom Ei ist das aber wohl auch nicht. Wünsche und Forderungen, die innerhalb des Südtiroler Parkanteils formuliert werden, brauchen immer noch den „Segen“ des zentralen Nationalparkrates in Bormio. Den Verantwortlichen des Südtiroler Paktanteils ist es mit viel Einsatz und Überzeugungskraft gelungen, in Bormio Maßnahmen durchzusetzen, die eigentlich schon der Hausverstand vorgeben müsste, wie etwa die kontrollierten Abschüsse von Rotwild, um das Gleichgewicht zwischen Rotwilddichte und Lebensraum zumindest einigermaßen in den Griff zu kriegen.
Viel geleistet wurde im Südtiroler Parkanteil auch mit der Schaffung der vier Besucherzentren. Die Bemühungen, die Akzeptanz der im Parkgebiet lebenden Bevölkerung dem Nationalpark gegenüber maßgeblich zu steigern, haben bisher allerdings nicht die gewünschten Früchte getragen.
Der 1935 mit Staatsgesetz errichtete Nationalpark Stilfserjoch ist für viele noch immer ein ungeliebtes, fremdes Kind. 1974 wurden den Provinzen von Bozen und Trient zwar Befugnisse zur Parkverwaltung übertragen und später folgte die Neuorganisation der Verwaltung (Konsortium), doch an der einheitlichen Führung darf nicht gerüttelt werden.
Es mag zwar illusorisch klingen, aber ein bisschen Träumen muss erlaubt sein: Los von Bormio und Schaffung eines Südtiroler Naturparks mit ausschließlich Südtiroler Bestimmungs- und Verwaltungsbefugnis! Wir könnten dann auch davon träumen, besiedelte Gebiete auszuklammern, den Bauern im Parkgebiet das Leben nicht weiter zu erschweren und, und, und. Bis dato ist das leider nur eine Illusion, denn es gibt Staatsgesetze. Kann man aber nicht auch solche ändern? Sepp Laner
Josef Laner