Rot wird man beim „Essemessen“ nicht

Publiziert in 16 / 2010 - Erschienen am 28. April 2010
Die Affen trommelten auf die Brust, die Indianer sagten es mit Rauchzeichen und wir werden immer mehr zu ­„Essemessern” und „Ememessern”. Die relativ neuen Arten der Kommunika­tion über SMS (Short Message Service, übersetzt Kurznachrichtendienst) oder MMS (Multimedia Messaging Service, übersetzt Telekommunikationsdienst zur Übertragung von multimedialen Nachrichten) prägen unseren Alltag immer stärker. Es ist gar nicht so lange her, als man als Journalist zu einer Telefonzelle oder in ein Gasthaus laufen musste, um abends noch vor Redaktionsschluss eine Unfallmeldung durchzusagen. Heute kann man notfalls mit dem Handy eine Minute vor Redaktionsschluss ein Foto schießen und das Bild ist am nächsten Tag in der Zeitung. Die neue Technik hat zweifellos ihre Vorteile, knabbert aber auch an den Grundfesten bisherigen Kommunizierens. Die Frage ist nicht, ob ja oder nein (natürlich ja), sondern wie wir mit SMS, MMS und weiß Gott was noch allem umgehen. Es ist ein Unterschied, ob ich der Mutter zum Geburtstag oder Muttertag eine SMS-Nachricht schicke, ob ich sie „nur“ anrufe oder besuche. Es ist ein Unterschied, ob ich eine Liebesbeziehung per SMS aufkündige oder ob ich vor den Augen der Freundin Schluss mache. SMS und MMS geben mir Schutz und irgendwie auch Anonymität. Ich brauche nicht rot anzulaufen, ich kann lügen, ohne dass es der Empfänger merkt und ich kann hoffen, dass auch er mir nur ein SMS schickt, und mich (hoffentlich) nicht anruft oder gar besucht. Der fehlenden Phantasie des „Essemessers” schafft eine schier unerschöpfliche Abkürzungskultur Abhilfe: Man muss für eine Liebeserklärung nicht eigene Worte zur Welt bringen, sondern funkt mit wunderbaren Zitaten großer ­Dichter um sich. SMS und MMS machen die Kommunikation kälter. Die Stimme am Telefon kann man hören, sie vermittelt Gefühle. Was hinter einer SMS-Nachricht steckt, bleibt verborgen. Sepp Laner (redaktion@dervinschger.it)
Josef Laner
Josef Laner
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