Bei so einer Wetterlage ist die Hinauffahrt angenehmer als die Abfahrt.

Auftanken im Nationalpark

Publiziert in 30 / 2010 - Erschienen am 1. September 2010
Stilfserjoch – Wenn tausende Radler auf das Stilfserjoch keuchen und das Wetter nicht ganz mitspielt, ist es in etwa so wie wenn Kirchtag ist und keine Krapfen zu haben sind. Kirchtag aber ist trotzdem. Auch entlang der SS 38 im Abschnitt von Spondinig bis zum Stilfserjoch war am vergangenen Samstag „Kirchtag“. Allein auf der Südtiroler Seite des Jochs haben es sich gezählte 5.500 Radlerinnen und Radler nicht nehmen lassen, bei der 10. Auflage des mittlerweile weitum bekannten Radtages dabei zu sein. 1.280 Radler kamen auf der Seite der Lombardei dazu und rund 250 auf der Schweizer Seite. Im Mittelpunkt standen für die meisten nicht so sehr die Stunden, Minuten und Sekunden, die sie brauchten, um die ­Strecke zu bewältigen, sondern ganz einfach die Lust, die autofreie Straße zu genießen, etwa Gutes für die Gesundheit zu tun, mit Angehörigen oder Freunden einen schönen Tag zu verbringen oder auch einmal mit sich selbst, der Natur und seinen Gedanken allein zu sein und Energie zu tanken. Zeit dafür gab es entlang der 27,36 km langen Strecke, die sich über 48 Kehren von Spondinig (890 m) bis zum Joch (2.758 m) hinauf schlängelt, genug. Die Strecke weist einen Höhenunterschied von 1.868 Metern und eine durchschnittliche Steigung von 9 bis 11 Prozent auf. Woher die Rad- und Naturfreunde kamen, war unschwer zu ermitteln. Man hörte viel Vinchsger Dialekt, Italienisch und Deutsch in allen möglichen Variationen, Rumantsch, Schwitzerdütsch, aber auch ­Pusterisch, „Stadtlerisch“, Tschöggelbergerisch und Unterland­lerisch. Für alle in gleicher Weise verständlich waren der Pfiff der Murmeltiere und die Schellen der Kühe, die bei der Franzenshöhe nach dem letzten Herbstgras suchten. Wenngleich es auf der Passhöhe - und nicht nur - zeitweise regnete und die strammen Schenkel so manch tapferer Radler und Radlerinnen schon wenige Sekunden nach der Ankunft zu schlottern begannen, taten die „fehlenden Krapfen“ dem „Kirchtag“ insgesamt keinen Abbruch. Beim Hinaufschnaufen waren die etwas kühlen Temperaturen sogar angenehm und die Abfahrt nahmen die meisten stark „vermummt“ in Angriff. Nicht wenige klagten dennoch über „schlafende“ Hände. Worüber sich Hanspeter Gunsch, der Leiter des Nationalpark-Außenamtes in Glurns und Cheforganisator des Rad­tages am meisten freute, ist, dass keine nennenswerten Unfälle passiert sind. Ein Lob gebührt nicht nur der Nationalparkverwaltung für die reibungslose Organisation, sondern auch allen beteiligten Rettungsdiensten, Ordnungskräften und freiwilligen Helfern. Zu schätzen wussten die Radler auch die Angebote an den Versorgungsständen sowie das Rahmenprogramm der heurigen Jubiläumsausgabe, speziell das Stelviobike-Festival auf dem Dorfplatz von Prad sowie das Radlerfestl auf der Franzens­höhe. Mit dem jährlichen Radtag zeigt sich nicht nur der Nationalpark, sondern der Vinschgau insgesamt von einer der schönsten Seiten.
Josef Laner
Josef Laner

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