Farbwelt des Vinschgaus
Publiziert in 30 / 2010 - Erschienen am 1. September 2010
Laas – „Davon verstehe ich nichts!“, ein oft gehörter Satz zu Zeitgenössischer Kunst, zu oft. Stellen Sie sich vor, Sie verstünden ebenfalls nichts von Kunst. Dazu nehmen wir an, dass Sie weder Gärtnerin oder Bäuerin, noch Koch oder Konditor wären. Vor einem isoliert gelegenen Aprikosenbaum machen Sie halt. Sie betrachten ihn, nehmen eine reife Marille und kosten. Der Spaß fängt an: Sie können sagen, wie die Marille schmeckt und wie der Baum aussieht. Sie können sogar die Marille mit anderen Marillen vergleichen, die Form des Baumes beschreiben, den Baum als jung oder alt klassifizieren. Der Duft der Frucht könnte eine Assoziationskette auslösen, von den ersten Erinnerungen bis zu jüngsten kulinarischen oder anderen sinnlichen Erlebnissen. Sie könnten über die Wörter Aprikose oder Marille nachdenken, sogar darüber, wie Ihnen das Früchtchen schmecken würde, wenn Sie mit dem Wort albicocca aufgewachsen wären. Das Spiel kann unendlich gespielt werden. Es reicht aber, zu wissen, dass Sie sagen können: Schmeckt, das orange Ding. Selbst der erfahrene Aprikosenkenner könnte lediglich genießen, solange die Geschmackspapillen der Zunge mitspielen.
Das alles ist übrigens mit Kunst ebenfalls möglich. Der Maler Reinhold Tappeiner gibt seinen Arbeiten diesen Freiraum: „Es steht jedem Betrachter frei, darin zu sehen, was er will.“ In „Seismograph,“ der zweiten CD, die Tappeiner mit den Musikern Dieter Oberdörfer und Ferruccio Bartoletti produzierte, gibt es zu sehen, zu hören und zu erleben. Tiefe Farbschichten, die den Blick auf das Detail freigeben: ...man mag in diesen Bildern alles Mögliche sehen: Landschaften, Wolken, Schnee... ...Röntgenaufnahmen, Negative von Fotografien, Gesteinsschichten, Laken, Risse in einer gekalkten Wand...“ schreibt der Bruder des Musikers, der Autor Peter Oberdörfer. Man kann die Gemälde spielen lassen, wie Rorschach-Testbilder, die psychologische Tiefen ausloten sollen oder sich der Interpretation verweigern, wie die Philosophin Susan Sontag vorschlug: „Eine Interpretation, die von der höchst zweifelhaften Theorie ausgeht, dass ein Kunstwerk aus inhaltlichen Komponenten zusammengesetzt ist, tut der Kunst Gewalt an.“ Dass, was die Kunst zur Kunst mache, ließe sich weder verstehen noch interpretieren, so Sontag: „Interpretation ist die Rache des Intellekts an der Kunst.“
Wie greifbar Malerei für den Betrachter, wie gegenstandslos oder gegenständlich, wie behaftet sie mit Deutungsmöglichkeiten ist, bleibt jedem selbst überlassen. Zur musikalisch-malerischen Zusammenarbeit mit Oberdörfer und Bartoletti sagt Tappeiner: „Stunden, Tage, Wochen, Monate beinharte Arbeit stecken dahinter.“ Drei starke Persönlichkeiten, die sich getroffen haben. „Reinhold,“ so Marco Greco, „ist einer, der nicht locker lässt.“ Die Mystik der Musiker traf auf jene Töne, die in den Bildern mit Ei-Tempera und Marmorstaub mitschwingen. Bilder, an denen er mehr als einen Monat lang arbeitet. Die Farben mischt er selbst, mit Mohnöl beispielsweise, im Laaser Atelier leuchten die Pigmente voller Beweisfreudigkeit.
Aufgewachsen mit einem Vater voller Verständnis für eine künstlerische Laufbahn – der Leiter eines Sägewerkes besuchte als fast 50-Jähriger die Kunstschule in Gröden. Wie der Weg eines Künstlers wäre, verstand Oskar Tappeiner so: „Wenn du Geld brauchst, verkaufe doch ein Bild.“ Im Haus der Großmutter, heute noch als Lechner-Haus bekannt, nippten Künstlerpersönlichkeiten an Kaffee - inmitten von Gemälden und Skulpturen. Der Weg als Künstler war gewollt, aber gerade wegen des emotionalen Rückhaltes des Vaters konsequent hinterfragt.
Als der junge Reinhold nach Besuch der Grödner Kunstschule einen weiteren Studienplatz sucht, entscheidet er sich für die Geburtsstadt des Renaissance Malers und Baumeisters Raphael, Urbino. In den späten 70er Jahren war vom handfesten und handwerklichen Weg der Renaissance-Künstler nichts mehr zu lernen, dachten die damaligen Professoren. „Objektkunst, insbesondere arte povera, war aktuell, Malen war verpönt.“ Tappeiner schlägt zwei Wege ein: er gestaltet Objekte und malt „zwischen abstrakt und figurativ.“ Einige der Studien-Arbeiten gefallenen ihm heute noch. Vor einigen Jahren besuchte er die Akademie in Urbino: „Jetzt malen alle wieder.“
Sein persönlicher Stil. Für den Kunstmarkt, so Tappeiner, sei die Tatsache, dass er etwas hartnäckig verfolge und dann wieder eine komplett neue Richtung einschlage „eine Katastrophe.“ Er reizt einen Stil aus, bis zum Finale, beginnt dann komplett neu. Für den Lehrer der Laaser Fachschule für Steinbearbeitung ist Malen ein Zustand, worin er sich verliert, Zeit scheint ohne Anfang oder Ende. Der Schritt vom Realen ins Mystische? Mystisch, im Sinne von geheimnisvoll, als etwas, das nicht in Worte gefasst werden kann. Ein Begriff, den alle Weltreligionen kennen, einer, der Psychologen und Philosophen, Ludwig Wittgenstein, Erich Fromm oder Carl Gustav Jung beschäftigte. Diesen Zustand des Verlierens probierte der Laaser mit den Studenten der Fakultät der Bildungswissenschaften in Brixen aus. Blind sollten sie einen Gegenstand ertasten und ihn, immer noch blind, zeichnen. „Ja, das funktioniert. Sie verlieren erst das Zeitgefühl und dann sich selbst in der Arbeit. Übrigens,“ fügt er hinzu, „Zeichnungen sind die ersten Schritte, sich selbst wahrzunehmen.“ Für den Farbenlehre-Experten, Harald Küppers, ist Tappeiners Zugang zu Farbe ein dynamisches Spannungsfeld: „Reinhold Tappeiner hat sich auf eine Auseinandersetzung mit der Farbe eingelassen. Wir dürfen gespannt sein auf seine weitere Entwicklung.“
Ähnlich wie der Laaser Maler kann der Betrachter seiner Bilder den eigene Augen folgen, dem eigenen Gefühl, den Assoziationen, die kommen und gehen, den eigenen Wahrnehmungen, den eigenen Deutungen, die sich ausschließlich oder gerade nicht, auf das beziehen, was er sieht, wenn er eine Arbeit von Tappeiner vor sich hat. Augen auf und hin zu seinen Bildern! Welche Türe Sie auch immer dabei aufstoßen.
Reinhold Tappeiner.
* 1959, lebt in Laas.
Kunstschule Gröden,
Accademia di Belle Arti, Urbino. Diplom an der Kunstakademie bei Prof. Elio Marchegiani. Seit 1983 freischaffender Künstler. 1997 Nationaler Preis „Fabio Bertoni per l‘incisione“ (Accademia Belle Arti Urbino) Bis 2009 Vertragsprofessor an der Freien Universität Bozen. Reinhold Tappeiner/Malerei/Werke von 1999-2005, Hrgs. Wolfang Maxlmoser, edition innsalz, Aspach, Meran, Wien, 2005. Mitbeteiligt an Aufbau und Entwicklung des Lehrgangs für Entwurf und Gestaltung an der Fachschule für Steinbearbeitung, Laas, Seit 2007 im Vorstand des Südtiroler Künstlerbundes.
Im Verein für
Originalradierungen,
Odeonsplatz.
Druckgrafiken von Südtiroler KünstlerInnen, ,kuratiert von Andreas Strobl, Konservator der Grafischen Sammlung in der Pinakothek der Moderne München. Gezeigt wurden Radierungen von Oswald Auer, Monika Fiechter Rossi, Markus Gasser, Renate Hausbrandt Gruber, Franz Irsara, Sissa Micheli, Margaretha Pertoll Breitenberger, Hubert Scheibe, Luis Seiwald, Anke Stampfer, Reinhold Tappeiner, Hartwig Thaler und Andrea Varesco. Im Mai zeigt der Künstlerbund Druckgrafiken aus dem Verein für Originalradierungen in der Galerie Prisma in Bozen.
Katharina Hohenstein