Die misslungene Hochzeit des Camacho mit Gustav Gurschler, Romana Rettenbacher, Christian Telser, Hans Peter Plagg, Martina Stocker, Karl Fleischmann, Daniel Clemente, Irene Bernhart, Markus Gamper und Rudi Hölbling (von links).

„Vorwärts, vorwärts für das Leben und die Liebe!“

Publiziert in 21 / 2013 - Erschienen am 5. Juni 2013
Welttheater im Kulturhaus von Schlanders. Die Inszenierung von Don Quijote ist im Vinschgau mit Vinschgern entstanden. „Sie haben es so gewollt. Sie haben den schwersten Stoff aus den fünf Angeboten gewählt“. Mit sie meinte Christoph Brück in erster Linie Konrad Lechthaler, Spielleiter der Theatergruppe Kortsch, und Arnold Pirhofer, amtierender Obmann des Theaterbezirks Vinschgau mit 22 aktiven Vereinen. Der schwerste Stoff war „Don Quijote“, Miguel de Cervantes Parodie auf die Ritterromane des beginnenden 17. Jahrhunderts. Nicht einmal im Bezirks-Ausschuss waren alle überzeugt, das Abenteuer oder besser das Wagnis Bezirksprojekt „Der Vinschgau spielt Theater“ anzugehen. Zu groß war die Angst vor dem eigenen Mut, zu gegenwärtig waren bestimmte Schwierigkeiten nach einer bestimmten Freilichtinszenierung. Es war Lechthalers Hartnäckigkeit und Überzeugung, einen der Besten in der deutschen Theaterszene engagieren zu müssen, und es war der Wunsch des Obmannes und einiger Obleute, dem Theater im Tal neuen Schwung zu geben. Christoph Brück aus München war bekannt als Anhänger des „Bildungstheaters“. Was lag näher, als auf die fort-bildenden Anregungen seiner Arbeit zu bauen. Niemand konnte in den letzten Sommertagen 2012 ahnen, was bis zur Premiere am 25. Mai 2013 geschehen wird. Niemand überblickte den Stoff. Kaum jemand hatte mehr von Don Quijote im Kopf als dessen Kampf gegen die Windmühlen. Niemand konnte sich vorstellen, wie man mit 10 Darstellern 39 Rollen besetzen kann. Niemand wusste um die Bedeutung von Musik und Gesang in Brücks Inszenierung. Auch den gut 50 Personen, die hinter der Bühne mitwirken sollten, war nicht bewusst, welche Herausforderung „Don Quijote“ für sie werden sollte. Theater ganz nahe am Alltag Inzwischen hat sich Sancho Pansa schon zum 4. Mal von seiner Frau Theresa losgerissen und sich als zukünftiger Herrscher auf einer Insel gesehen. Inzwischen sind Don Quijote, sein Pferd Rosinante und Sancho schon zum 4. Mal im Kulturhaus von Schlanders aufgebrochen, um „dem Zauberer Freston, das zu geben, was er verdient“. Das Kampflied „Adelante, adelante por la vida y el amor“ haben Markus Gamper als Ritter „de la triste figura“, Gustav Gurschler als nüchterner, zupackender Bauer und Rudi Hölbling halb Pferd, halb Mensch, als Gitarre spielender Gaul nun schon mehrmals angestimmt. Man muss Kastilien nicht erlebt haben, um eine Ahnung zu bekommen von sirrender Hitze, ausgetrockneter Landschaft und tiefblauer Nacht in La Mancha. Traumhafte Stimmungsbilder zaubern die Beleuchter auf die leere Bühne, deren Boden schräg ansteigt. Für den Besucher wunderbar einsehbar. Erst im Laufe der Handlung wird dem Betrachter bewusst, wie viel technische Raffinesse und Ideen Bühnenbauer Karl Fleischmann zusammen mit dem Regisseur umgesetzt hat. Man merkt es vielen Szenen an, dass Christoph Brück im Vinschgau nicht nur über das Stück getüftelt hat. Er hat die Menschen im Alltag beobachtet. Irene Bernhart, Romana Rettenbacher und Martina Stocker spielen in den ersten beiden Szenen des 1. Bildes Waschfrauen, die auch an einem Vinschger Dorfbrunnen ihre „dreckige Wäsche“ waschen und die zwei „lüsternen Alten“, Karl Fleischmann und Daniel Clemente, reizen könnten. Aufmerksam hinhören muss man, um die wenigen Dialekteinschübe zu bemerken. Sie finden sich in Situationen, in denen der Hochsprache einfach das pralle Leben abgeht. Mit der Person des groben und autoritären Dörflers - Hans Peter Plagg - und mit dem gewieften Wirt der Hurenschenke - Christian Telser - ließ Brück Gestalten auf der Bühne wirken, wie man sie auch auf Südtirols Straßen oder in Gasthäusern trifft. Zum Genießen und Nachdenken Es verblüfft, wie der Regisseur es schafft, sich nicht in effektvollen Handlungen oder banalen Alltagsszenen zu verlieren, wie er immer wieder zum eigentlichen Kern von Cervantes Romanvorlage zurück kehrt. Er lässt Don Quijote in höchsten Tönen und dann in zweideutigen Anspielungen - natürlich auf Spanisch - von der Frau seines Herzens schwärmen. Mit Pathos überzeugt er den zögernden Sancho, der schlagfertig immer wieder seinen Herrn mit trockenem Humor auf die Erde holt. Die Zuschauer sind gefordert. Sie dürfen die Gesangstalente der Darsteller genießen und die Live-Musik hinter dem Vorhang, für die Michaela Schölzhorn zuständig ist. Sie können schmunzeln, sie können lachen, sollten aber auch nachdenken. Es steckt Einiges drin in der Spruchweisheit der Brück‘schen Gestalten. So sagt Don Quijote zu Sancho: „Ein Mensch ist nicht mehr als ein anderer, wenn er nicht mehr tut als ein anderer.“ Spricht‘s und steigt auf‘s Pferd. „Auf in den Kampf !“, ruft er und Sancho: „Auf welcher Seite kämpfen wir?“ Es ist Don Quijotes ritterliche Gesinnung und gleichzeitig Miguel de Cervantes fast schon zynischer Blick auf die dekadente Welt des Rittertums um 1604, wenn Brück Don Quijote antworten lässt: „Immer auf der Seite der Schwächeren.“ Nächste Aufführungen: 7. und 8. Juni um 20 Uhr, 9. Juni um 17 Uhr. Infos und Reservierungen telefonisch unter 348 7439724, ab 16 Uhr, info@vinschgauspielttheater.it; www.vinschgauspielttheater.it
Günther Schöpf
Günther Schöpf

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