Außersulden/Trafoi – „Er stand wenige Meter vor uns, zeigte keinerlei Scheu und lief auch nicht weg. Es ist dieses völlige Fehlen von Menschenscheue, das bedenklich ist.“ Dies sagte am 22. Mai Georg Ellmer vom Hotel Gomagoierhof in Gomagoi dem „Vinschger“. Am Abend zuvor hatte er in Außersulden gesehen, wie ein junger Bär mitten auf der Straße über ein Schaf herfiel (siehe auch Interview).
Georg Ellmer hat selbst Schafe. Er hatte am 21. Mai in der Örtlichkeit Zumpanell oberhalb der Baumgrenze nahe am Ortler nach seinen Tieren gesehen. Als er am Abend gegen 20.45 Uhr mit dem Auto in Richtung Gomagoi fuhr, entdeckte er in der Abenddämmerung auf der Landesstraße bei Unterthurn in Außersulden ein „schwarzes Vieh, das sich über ein weißes Tier hermachte.“ Er traute zunächst seinen Augen nicht, doch als er sich in unmittelbarer Nähe befand, stand es fest: Ein junger Bär biss auf ein Schaf ein, das mit dem Rücken auf dem Boden lag. Georg Ellmer gelang es, den Bär mit Hupsignalen zu verscheuchen. Das verletzte Schaf rannte ebenfalls davon.
Georg Ellmer fuhr rasch nach Gomagoi, trommelte ein paar Freunde zusammen und kehrte mit ihnen zum Ort des Geschehens zurück. Auch Leute aus Trafoi eilten herbei. Äußerst verwundert waren alle darüber, dass sich der Bär noch immer in der Gegend herumtrieb und keinerlei Anstalten machte, sich endgültig aus dem Staub machen zu wollen. Im Gegenteil. Das Jungtier lief nicht fort, sondern harrte „geduldig“ und hartnäckig aus. Sogar vor dem bellenden Hund, mit dem Albin Mazagg herbeigeeilt war, wich er laut Georg Ellmer nicht zurück. Auch im Licht der Scheinwerfer war der Bär noch mehrmals zu sehen.
Bis nach Mitternacht haben die Männer nach den geschockten Schafen gesucht. Das vierjährige Mutterschaf, über das der Bär hergefallen war, konnte mit Hilfe des Hundes gefunden werden. Es hatte eine Bisswunde am Brustkern. Das Tier wurde in den Stall des Unterthurn-Hofes gebracht. „Wir hatten unsere Schafe schon vor etlichen Tage auf einer eingezäunten Wiese in der Nähe des Hofes frei gelassen“, sagte Zita Reinstadler vom Unterthurn-Hof am Morgen nach dem Übergriff des Bären. Weil ihr Sohn Paul wegen Urlaubs nicht zu Hause war, kam sofort ihre Tochter Christine nach Außersulden, um der Mutter zur Seite zu stehen.