Der Kastanienbaum

Publiziert in 11 / 2012 - Erschienen am 21. März 2012
Wie die Eidgenossen 1499 die Dörfer im Vinschgau niederbrannten, darunter auch Schlanders, sah er nicht. Er wurde erst später in die Welt gepflanzt. So um 1860 herum, wie ein Förster schätzt. Trotzdem hat er einiges gesehen, der ­mächtige Kastanienbaum an der nordöstlichen Ecke der Sonnenpromenade in Schlanders. Er hat etwa erlebt, wie 1875 die Feuerwehr Schlanders gegründet wurde, wie Schlanders 1901 zum Sitz der Bezirkshauptmannschaft wurde, wie 1906 die Vinschgaubahn erstmals durch das Tal ­ratterte (wie sie 1990 zum letzten Mal rollte und seit 2005 erneut fährt), wie 1915 das Standschützenbataillon von Schlanders mit 1.050 Mann in den Krieg an die Ortlerfront zog, wie Schlanders 1923 zur faschistischen Unterpräfektur erhoben wurde, wie 1946 die GEOS gegründet wurde, wie 1958 der Bau des Krankenhauses anlief. Die Liste der historischen Zahlen ließe sich beliebig fort­setzen. Aber der Kastanienbaum hat auch die Menschen gesehen. Menschen, die aus Not ihre Heimat verließen, die zur Optionszeit abwanderten, die später wieder zurückkamen. Der Kastanienbaum hörte die Kirchenglocken, die zur Taufe riefen, zur Hochzeit oder auf den Friedhof. Er sah die Menschen lachen und er sah sie weinen. Er sah, wie sich Paare an ihn anlehnten, ihn umarmten. Wortlos hat er alles gesehen, gehört und gerochen. Die Narben, von der Natur in seinen Stamm gekerbt oder auch von Menschenhand, rettet er stumm von einem Jahr ins andere. Er ist ein bisschen wie alte Leute mit Runzeln im Gesicht, mit Schwielen an den Händen und einem weisen Schweigen auf den Lippen. Es sind diese Leute, die unser Land so gemacht haben wie es ist, und nicht jene, die in immer größerer Zahl immer lauter um sich schreien. Ich meine so manche Jung­reiche mit geschenkten oder geleasten Cabrios, geschniegelt, aufgeputzt und gestylt von den Socken bis zu den Wimpern. Sepp Laner
Josef Laner

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