Der Zeitgeist stiehlt uns die Zeit

Publiziert in 45 / 2011 - Erschienen am 15. Dezember 2011
Zeit ist nicht Geld. Nicht wirklich. Sicher kann man in kurzer Zeit viel Geld verdienen. Oder auch verlieren. Weil man nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Weil man etwas versäumte. Weil man nicht rasch genug rannte. Weil man es ­irgendwann einfach nicht mehr schaffte, mit der Zeit mitzugehen. Wer sich unserem Zeitgeist nicht unterordnet, bleibt irgendwann auf der Strecke. Er wird plötzlich entdecken, dass ein Großteil der Zeit, die ihm auf unserer (noch) blauen ­Kugel gewährt wird, um ist, und dass er aus der ganzen Zeit nichts gemacht hat, was der Zeitgeist von ihm gefordert hat. Er hat sie nutzlos verstreichen lassen, die wertvolle Zeit. Er hat weder Haus noch Wohnung, weder Geld noch anderem Reichtum. Er gehört nicht zu den 100 reichsten Südtirolern, die man uns jährlich auf Hochglanz präsentiert. Er gehört auch nicht zu den Mittelständlern, sondern zur Klasse der so genannten sozial Schwachen. Schon bemerkt? Auch die Menschen werden je nach Reichtum oder Armut in Klassen eingeteilt. Weil er ein sozial Schwacher ist, muss auch seine Frau auf die neue ­Handtasche verzichten, die sie sich für Weihnachten gewünscht hatte. Sie kauft einen Lötnagel und repariert die alte. Die Gefahr, dass ihre Kinder sündteure Geschenke in rotem Zorn in den Winkel schmeißen, weil die Geschenke nicht dem Zeitgeist entsprechen, besteht in ihrer Familie nicht. Dem Zeitgeist läuft vieles zuwider, selbst die Zeit. Ich meine das Haben von Zeit, das nichts anderes ist, als seine Zeit mit seinen Lieben und Freunden zu teilen. Zeit braucht man nicht zu schenken. Sie gehört uns nicht, wir können sie uns aber trotzdem nehmen. Auch die halben Stunden, die wir uns mit ­Zähneknirschen abnötigen, um weihnachtliche Pflichtbesuche termingerecht abzuhaken: So, jetzt ist auch das getan, endlich sind wir wieder allein...und die besuchten „Lieben“ sind es auch. Sepp Laner Das „Vinschger“-Team wünscht allen Lesern und Kunden viel Zeit, ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für das neue Jahr. Der erste „Vinschger“ 2012 erscheint am 11. Jänner. Ab 2. Jänner sind wir wieder für Sie da.
Josef Laner

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.