Und irgendwann vielleicht...

Publiziert in 36 / 2010 - Erschienen am 13. Oktober 2010
Es gibt für alle gleich viel davon und trotzdem ist es für die meisten zu wenig. Alle brauchen sie, alle wollen immer mehr von ihr. Trennen lässt sie sich nicht. Bestenfalls einteilen. Kinder haben zumeist viel davon, alte Menschen auch. Am meisten „Stich aus“ lässt es zwischendrin. Es beginnt in der frühen Jugend und endet, wenn man die Arbeit endlich an den Nagel hängen darf. Oder muss, denn manche würden es vorziehen, weiter zu arbeiten, weil sie es gewohnt sind und schon längst verlernt haben, dass es neben dem Arbeiten auch das Leben gibt. Wenn es aber soweit kommt - die Kinder sind schon längst groß, stehen im Beruf und haben selbst Kinder -, und wenn man noch einigermaßen auf den Beinen ist, hat man plötzlich reichlich von ihr zur Verfügung. Nun sind es die anderen, die zu wenig davon haben, um sie mit anderen zu teilen. Ein Teufelskreis. „Ihr habt die Uhren, wir die Zeit“ heißt ein Sprichwort aus Afrika. Wie wahr. Wir haben sie überall, die Uhren: auf dem Nachtkästchen, in der Küche, am Handgelenk, im Büro, im Auto, auf dem Handy. Und wie steht es mit der Zeit?: Heute leider nicht, ruf mich bitte später an! Bin momentan nicht im Büro, vielleicht können wir uns in der nächsten Woche einmal treffen! Aber wir waren doch erst vor einem Monat bei euch zu Besuch, vielleicht schaffen wir es zu Weihnachten! Stress, Hektik, Eile. Sogar Kinder stehen immer öfter unter Druck. In der Schule ebenso wie in der Freizeit. Einfach nichts tun geht nicht. Du musst lernen, besser zu sein als die anderen, du musst auch in der Freizeit alles geben, denn sonst schaffst du es später nicht. Und wenn du später, ich meine nach Jahrzehnten, irgendwann einmal eine freie Minute findest, dich am Rande einer Straße hinsetzt und zuschaust, wie Autos und Menschen aneinander vorbei hechten, hast du vielleicht Zeit genug, zu erwachen. Die Frage „War das jetzt wirklich alles?“ kommt von allein. Die Antwort wirst du nur finden, wenn du dir die Zeit nimmst, wieder ein bisschen zu leben. Sepp Laner (redaktion@dervinschger.it)
Josef Laner

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