Jedem Abschied wohnt ein Zauber inne
Publiziert in 30 / 2010 - Erschienen am 1. September 2010
Dreiländereck – Er suchte nach Worten und fand sie. Treffende Worte zum Abschied von XONG. „Nach 84 Festival-Tagen mit über 600 Künstlern und tausenden Besuchern ist XONG nach 12 Jahren seines Bestehens wenn nicht Tradition, so doch Legende“, meinte Jürg Goll vom Kulturverein „arcus raetiae“, als er am 31. Juli im voll besetzten Stadtsaal in Glurns auf die abschließende Schwanen-Veranstaltung der 12. und zugleich letzten Ausgabe des Kultur- und Musikfestivals im Dreiländereck einstimmte. Jedem Abschied wohne ein Zauber inne, auch dem Abschied von XONG in der bisherigen Form.
Wie schon beim bescheidenen Aperitif-Empfang, mit dem die Veranstalter von XONG im Vorfeld des „Abgesangs“ allen Förderern, Unterstützern, Sponsoren und Mitarbeitern im Rathaus in Glurns schlicht und einfach Danke sagen wollten, redete Jürg Goll auch im Stadtsaal nicht an der Realität vorbei: Die Arbeitsleistung, besonders die ehrenamtliche, sei übermächtig geworden und die Schuldenlast erdrückend: „Ich bin nun auch Liquidator.“
Mit Schwanengesang bezeichnet man das letzte Werk eines Musikers oder eines Dichters. Die letzte Ausgabe von XONG, SchwanenXONG eben, war wohl das zugleich beste Werk des XONG-Erfinders und Freigeistes Konrad Meßner, seines Koordinationskollegen Jürg Goll, des Vereinsvizepräsidenten Hermann Klapeer, des Ö1-Musikmoderators Wolfgang Schlag, des Mitarbeiters Armin Bernhard und einer großen Schar freiwilliger Mitarbeiter und Freunde von XONG aus dem Vinschgau, dem Engadin und dem Oberen Gericht.
Obwohl man XONG am 30. Juli in Mals symbolisch zu Grabe getragen hatte - so etwas geschieht sonst nur in Laatsch, wo am Tag nach der närrischen Zeit die Fasenacht „beerdigt“ wird - ist XONG eigentlich nicht tot. In vielen Orten im Dreiländereck wurde gesät. Viele Samen dürften auf fruchtbaren Boden gefallen sein. XONG hat Täler, Sprachen und Köpfe zusammengebracht, das Mittel dazu war die Musik. Tausende Menschen sind einander begegnet. Grenzen wurden nicht abgebaut, aber überwunden. XONG war anders als viele andere Veranstaltungen. Dieses Festival war kein Strohfeuer, sondern ein stetes Glühen. Nachhaltig eben, und nicht nur auf Kommerz und volle Kassen ausgerichtet. Apropos Geld: auch eine nicht unbedeutende Wertschöpfung hat XONG kreiert. „XONG kam besinnlich daher, nachdenklich, gesellig, ausgelassen und frei“, resümierte Jürg Goll. Das Festival habe viel bewegt im Dreiländereck, besonders für die Kultur, „dem unentbehrlichen Katalysator, um aus unseren lokalen Ressourcen einen Mehrwert zu schaffen.“ Golls sprachlicher Ausrutscher „Ohne Käse keine Kultur“ - es müsste eigentlich „Ohne Kultur kein Käse“ heißen - sorgte nicht von ungefähr für Schmunzeln. Dass die Veranstalter auf der Schuldenlast, die laut Konrad Meßner bei etwa 150.000 Euro liegt, nicht sitzen bleiben, darf zumindest gehofft werden. Die am Abschlussfest in Glurns beteiligten Künstler und Gruppen haben großteils auf ihre Gagen verzichtet, um das XONG-Loch zumindest etwa zu stopfen.
Ob das Land bereit ist, die Schulden zu begleichen, soll in Kürze entschieden werden. Wenn ja, dürfte im Gegenzug dazu allerdings anderswo der Rotstift angesetzt werden.
Die Kulturlandesrätin Sabina Kasslatter Mur hat 2 Tage nach dem Festival in einer Pressemitteilung das Ende von XONG bedauert. Das Kultur- und Musikfestival habe in den letzten 12 Jahren länder- und disziplinübergreifend wichtige Impulse und Akzente setzen können. „XONG war ohne Zweifel eine innovative und kreative Bereicherung für die Kulturlandschaft unseres Landes“, so Kasslatter Mur. Aus diesem Grund habe die Landesregierung die Initiative immer „gerne und großzügig“ unterstützt. In den letzten fünf Jahren seien insgesamt rund 180.000 Euro an Beiträgen aus dem Kulturtopf des Landes gewährt worden. Und auch die Region habe die Veranstaltung allein in den letzten 4 Jahren mit rund 100.000 Euro unterstützt. Zudem haben die Tourismusabteilung des Landes und die SMG Fördermittel für XONG zur Verfügung gestellt. Kasslatter Mur bedauert, „dass es dem Trägerverein ‚arcus raetiae’ und dem künstlerischen Leiter Konrad Meßner trotz dieser dauerhaften Unterstützung mit Mitteln von Land und Region nicht möglich war, das Festival weiter bestehen zu lassen.“
Wie dem auch sei: In seiner bisherigen Form gibt es XONG nicht mehr. XONG wurde nun in die Freiheit entlassen. Die Stimmung beim Abschlussfest war daher nicht nur mit Wehmut durchsetzt, sondern auch mit Hoffnung, mit Freude.
Nicht ganz unpassend für SchwanenXONG dürfte Alexander Langers Aufruf sein: „Macht weiter, was gut war.“
Josef Laner