Der Ortler Sammlerverein rückte den Stilfser Anteil der Straßensperre Gomagoi in die Öffentlichkeit: (v.l.) Hartwig Tschenett, Volker Bachauer, Hubert Pinggera, Christian Mazagg, Florian Öttl, Gerald Holzer, Josef Ortler und Hans Aondio.

Flankenschutz­ der Monarchie

Publiziert in 35 / 2011 - Erschienen am 5. Oktober 2011
Gomagoi – Mit dem Vortrag „150 Jahre Straßensperre ­Gomagoi“ am Samstag, 10. September, und mit dem „2. Tag der offenen Festung“ am Sonntag, 11. September, warb der „Ortler Sammlerverein 1. Weltkrieg“ um Erhaltung und Zukunft eines historischen Bauwerks der Gemeinde Stilfs. Für Fußgänger ist der Durchgang zwischen den beiden Gebäuden in Massivbauweise eine gefährliche Stelle zum Überqueren der Straße. Auto- und Motorrad­touristen registrieren dieselbe Stelle im Vorbeirauschen als ein Tor. Einheimische nehmen die beiden sonderbar geformten Bauwerke in Gomagoi gar nicht mehr wahr. Spätestens seit dem ersten „Tag der offenen Festung“ am 31. Oktober 2009 aber wissen sie, dass die sonderbaren Bauwerke einst eine geschlossene Front bildeten, an der die Straße nördlich davon vorbei führte, dass sie Teil eines „Flankenschutzriegels“ waren, der bis nach Riva reichte, und dass sie mit ihrer Feuerkraft italienischen Freischärlern und Truppen des Königreiches Piemont-Sardinien die Lust auf einen Einfall übers Stilfserjoch nehmen sollten. Ursprünglich waren „eine kasemattierte Batterie“ beim Trushof und eine Straßenlause unterhalb von Gomagoi gedacht. Es wurde eine Straßensperre, die nach nur neun Monaten Bauzeit im Jahre 1861 fertig gestellt war. 150 Mann drängten sich in Kriegszeiten in ihr. Den Artilleristen stand die damals modernste Geschütz-Bewaffnung zur Verfügung. Im Mai 1915 war der Kriegseintritt ­Italiens eine Frage von Tagen. Damals lagen die Nerven der Festungssoldaten in Gomagoi blank Am 19. Mai wurde die Jochstraße beim Weißen Knott gesprengt, am 20. Mai wurde Gomagoi dem Erdboden gleichgemacht, um freies Schussfeld in alle Richtungen zu bekommen. Am 12. Juli 1915 wurde die „Sperre“ aufgelassen - zu einem Infanteriestützpunkt degradiert. Waffentechnisch hatte sie keinen Sinn mehr. Diese Erkenntnisse sind das Ergebnis ernsthafter Archivarbeit, durchgeführt von der ­Österreichischen Gesellschaft für Festungsbau unter Reinhard Vergeiner und in Auftrag gegeben von Christian Mazagg und Gerald Holzer, Präsident und Stellvertreter des „Ortler-Sammlervereines 1. Weltkrieg“ mit Sitz in Trafoi. Mit einer minutiös recherchierten Festschrift und dem Referat „150 Jahre Straßensperre Gomagoi“ im E-Werk-Saal von Gomagoi leitete der Verein die Jubiläumsfeier ein. Sie fand ihren Höhepunkt im „2. Tag der offenen Festung“ mit einer Messfeier, zelebriert von Pfarrer ­Florian Öttl, und mit Führungen durch die Festungsforscher Vergeiner und Volker Bachauer. In Anwesenheit vieler Ehrengäste ermöglichte Straßenbaudirektor Werner Stecher auch den Zugang zum Gebäudeteil in Landesbesitz. Für viele neu war die Kaverne am Nordwesthang, die aufgrund der Erfahrungen im Festungskampf für die Besatzung in den Felshang gesprengt worden war. 1963 fiel der mittlere Teil des Werkes einer Straßenbegradigung zum Opfer. 2010 hat das Land Südtirol den südlichen Gebäudeteil übernommen und den nördlichen der Gemeinde Stilfs übertragen. Dort hat der Ortler Sammlerverein begonnen, Ordnung zu schaffen, aber auch feststellen müssen, dass die geteerte Dachabdeckung keinen Schutz mehr gegen ein­sickerndes Regenwasser bietet. Derzeit beschäftigen sich die ­historisch Interessierten um Christian Mazagg auch mit Möglichkeiten einer neuen Zweckbestimmung. Dazu wandten sie sich auch an die Besucher: „Helfen Sie mit, die Zukunft der ­Festung zu gestalten“.
Günther Schöpf

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