Martell braucht mehr Wertschöpfung im Tal

Publiziert in 7 / 2010 - Erschienen am 24. Februar 2010
Martell braucht mehr Wertschöpfung im Tal und mehr Arbeitsplätze vor Ort. Der ­Wille für positive Veränderungen sollte ebenso gegeben sein, wie das aufeinander Zugehen, das gegenseitige Verständnis, die Eigeninitiative und das gemeinsame Handeln. Was es nicht braucht, ist Neiddenken und Frust: Wir müssen mit Überzeugung Marteller sein. So lässt sich das politische Vermächtnis von Peter ­Gamper umschreiben, der am vergangenen Freitag zum letzten Mal als Bürgermeister eine Bürgerversammlung leitete. Wie berichtet, tritt er bei den Wahlen im Mai aus zeitlichen und familiären Gründen nicht mehr als BM-Kandidat an. Rückblickend auf die vergangenen 10 Jahre stellte er fest, dass die Gemeinde insgesamt 17,5 Mio. Euro investiert und 9,5 Mio. an laufenden Ausgaben bestritten hat. Er nannte das fast fertig gestellte Sozialzentrum, die Sanierung des Bürgerhauses, den Jugend­raum und die Kletterhalle im Freizeitzentrum „Trattla“, die ­Biathlonanlage mitsamt den Loipen, die Zivilschutz­zentrale, den Ausbau und die Instandhaltung des Straßen- und Wege­netzes, Verbesserungen der Trink- und Abwasserversorgung und viele weitere Projekte mehr. Bisher sei die Gemeinde der Hauptwirtschaftsfaktor im Tal gewesen, „in Zukunft wird es darum gehen, die Privatwirtschaft zu stärken“, so Peter Gamper. Auch Vizebürgermeister Georg Altststätter sowie die Referenten Stefan Kobald und Johann Fleischmann hielten Rück- und Vorschau. Stefan Kobald kündigte weitere Projekte im Bereich der Trink- und Abwasserversorgung an, etwa die Behebung des Problems bezüglich des teils uranhaltigen Trinkwassers. Dringend notwendig sei die Sanierung bzw. Erweiterung des Friedhofes. ­Johann Fleischmann sagte, dass eine getrennte Sammlung der Bioabfälle in Zukunft unumgänglich wird. Zu verbessern sei die Führung des Nationalparkhauses „culturamartell“. Man beabsichtige, den Tourismusververein Latsch-Martell mit der Führung zu betrauen. Georg Altstätter wies darauf hin, dass der Sport, speziell Biathlon, auch als bedeutender Wirtschaftsfaktor für das Tal anzusehen ist. Das Vereinswesen in Martell funktioniere gut, der Jugendraum werde fleißig genutzt. Erich Stricker war krank und konnte nicht zur Versammlung kommen. Er ließ über den Bürgermeister weitere Maßnahmen zur Aufwertung der Lyfialm ankündigen sowie die Überarbeitung des Waldbewirtschaftungsplanes. Hoffen auf Geld aus der Stromproduktion Der schmäler werdende Landes­haushalt zwingt immer mehr Gemeinden, anderweitige dauerhafte Finanzierungskanäle ins Auge zu fassen. Große Hoffnungen setzt Martell auf Erlöse aus der Nutzung der Wasserkraft. Allerdings gibt es hier noch viele Hürden und Fragezeichen. Das E-Werk, das die Gemeinde in Hintermartell bauen möchte, hängt derzeit noch in der Luft. An eine Umsetzung ist erst dann zu denken, wenn es der Staat per Gesetz erlaubt, in Schutzgebieten wie es der Nationalpark ist neue Wasserkraftwerke zu errichten. Ein direktes Strombezugsrecht bezüglich der Zufrittstausee-Konzession wurde der Standortgemeinde Martell und den zwei Anrainergemeinden Laas und Latsch verwehrt. Froh gab sich der Bürgermeister, dass es die drei Gemeinden seinerzeit nicht versäumt hatten, sich über das VEK (Vinschgauer Energiekonsortium) um die Konzession zu bewerben. Den Zuschlag gab das Land am 30. Dezember 2009 zwar der Gesellschaft Hydros GmbH (60 % SEL, 40 % Edison), „doch wir setzen uns jetzt auf gerichtlichem Weg zur Wehr“, so der Bürgermeister. Die Verhandlungsschiene, speziell mit dem Landeshauptmann, bleibe trotzdem aufrecht. Die Konzessionsvergabe ist auch mit einem Umweltplan verbunden, der für einen Zeitraum von 30 Jahren die Ausschüttung von weit über 20 Millionen Euro vorsieht. Rund 60 Prozent dieser Mittel dürften der Stauseegemeinde Martell zufallen. Derzeit bezieht Martell pro Jahr knapp 400.000 Euro an Wasserzins, es handelt sich um die WEG-Geldmittel (Wasser­einzugsgebiet der Etsch). Erdbeer-Erlebniswelt und weitere Projekte An Projekten, Visionen und Zukunftsplänen fehlt es in Martell nicht. Die Frage ist nur, ob die Umsetzung gelingt. Auf einem guten Punkt ist man mit dem Projekt zum Bau einer 3,3 Kilometer langen Rollerbahn in Hintermartell angelangt. Das 700.000 Euro teure Vorhaben ist genehmigt und liegt jetzt für die Sicherstellung der Finanzierung beim Land. Die Gemeinde Martell beabsichtigt, bis 2015 ein regelrechtes Leistungszentrum für Biathlon in Martell auf die Beine zu stellen. Die Geldmittel dafür sollen unter anderem aus dem obgenannten Umweltplan geschöpft werden. Mit dem weiteren Ausbau des Standbeines Biathlon soll die touristische Auslastung im Frühwinter und Winter verbessert werden. Ein völlig neues und einzigartiges Vorhaben ist die Schaffung einer Erdbeer-Erlebniswelt im Schwimmbadtrakt des Freizeitzentrums „Trattla“­ auf einer Fläche von 640 Quadratmetern. Als Bauherrin will die Gemeinde auf den Plan treten. Gedacht wird vor allem an eine Produktveredelungsstätte mit Gastronomieküche und einem kleinen Einkaufszentrum, in dem heimische Qualitätsprodukte angeboten werden ­sollen. Als Partner bzw. Betreiber der ­„süßen“ Erlebniswelt konnte laut Peter Gamper die Firma „Seibstock Delicatessen“ gewonnen werden. Der Bürgermeister hofft, mit der Erlebniswelt 8 Teilzeitarbeitsstellen - speziell für Frauen - schaffen zu können und die „ewige Baustelle Trattla“ für immer aus der Welt zu schaffen. Konkrete Ansätze für eine regionale Weiterentwicklung sind auch im Zuge des Programms Leader IV, an dem im Vinschgau ausschließlich Martell bis 2013 „mitknabbern“ kann, vorgesehen sowie im Rahmen des ESF-Projektes „Agenda 21“ und des Projekts „Kommunale Wirtschaftsentwicklung“. Bereits konkrete Formen angenommen hat zum Beispiel die Schaffung der zwei Themenwege „Erdbeere - Begeh(r)en“ und „Wald-Berg-Bauer“. Eine immer größere Bedeutung kommt der Regionalentwicklungsgenossenschaft Martell zu, der zurzeit rund 40 Mitglieder angehören. Busverbindung zum Teil katastrophal Bei der Diskussion wurde angemerkt, dass die Busverbindung nach Martell unter der Woche zwar gut funktioniere, an Sonn- und Feiertagen aber katastrophal sei. An solchen Tage gebe es so gut wie keine Verbindung, an anderen Tagen wiederum verkehre der große SAD-Bus bisweilen mit nur einem Gast und das sei der Chauffeur. Es wurde der Einsatz von flexibleren und billigeren Kleinbussen gefordert. Zumal es beim Land dafür ­offenbar kein Gehör gibt, will die Gemeinde ein Konzept für den Personennahverkehr erarbeiten lassen. Gedacht wird vor allem an einen Fahrdienst auf Abruf. Als verbesserungswürdig wurde auch der Schnee­räumungsdienst genannt. Unüberhörbar war die Forderung der Bürger, die Gemeinde an der Wertschöpfung aus dem Stausee angemessen teilhaben zu lassen. Kritik musste sich SVP-Ortsobmann Johann Fleischmann bezüglich des Systems der Kandidatenermittlung für die Wahlen im Mai anhören. Es bestehe die Gefahr, dass bewährte Gemeinderäte nicht mehr antreten, wenn sie sehen, dass sie nur von wenigen Bürgern vorgeschlagen werden. Außerdem könnte es manchen Wählern zu viel werden, wenn sie gleich dreimal zu den Urnen gerufen werden: Kandidatensuche, Vorwahlen und eigentliche Wahlen. Fleischmann und der Bürgermeister meinten: „So ist eben die Demokratie“. Falsche „Spielchen“ würden nicht betrieben. Zum Thema Nationalpark ­siehe Kommentar auf Seite 3.
Josef Laner

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