Der Tauferer Neubürger Friedrich Haring (stehend) moderierte die Podiumsdiskussion mit Ruedi Haller, Gabriella Binkert, Hermann Fliri und Andreas Zischg.

Sich an ihm regenerieren oder mit ihm produzieren?

Publiziert in 7 / 2010 - Erschienen am 24. Februar 2010
Taufers – Zwei Diplomgeographen, eine Unternehmerin und ein Bürgermeister sollten in Taufers im Münstertal die Schlüsselfrage beantworten: „Können wir uns denn keinen naturbelassenen Bach mehr leisten?“ Im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion am vergangenen Freitag stand der schweizerisch Rom- und südtirolerisch Rambach genannte Flusslauf, der von seinem Ursprung bei Tschierv am Ofenpass bis zur Mündung in die Etsch bei Glurns fast 25 Kilometer zurücklegt, der auf Vinschger Seite teilweise zur Stromerzeugung genutzt werden soll und auf Schweizer Seite seit 2004 Erfolgsgeschichte schreibt. Über den aktuellen Stand der Entwicklungen „A la riva dal Rom“, an den Ufern des Rom, ließ Moderator Friedrich Haring die Direktorin des „Regionalen Naturparkes Biosfera Val Müstair“, ­Gabriella ­Binkert, zu Wort kommen. Und die geriet ins Schwärmen, als sie die Renaturierung des ehemals verbauten und begradigten Baches schilderte. Sie sah den einzigen, nicht wirtschaftlich genutzten Tal-Fluss der Schweiz als Bindeglied für eine „enge wirtschaftlich-ökologische und kulturelle Zusammenarbeit im Magischen Rätischen Dreieck“. Vor dem Referat Binkerts hatte der im Schweizer Nationalpark für Rauminformationen zuständige Ruedi Haller im Schnelldurchlauf auf das überregionale Projekt „Econnect“ hingewiesen, dessen Hauptziel der Schutz der Biodiversität in den Alpen sei. Haller sprach einem Flusslauf, im Falle des Münstertales dem Rambach, eine hochwertige Funktion als ökologischer Korridor in einem alpinen Kerngebiet mit zwei Nationalparks zu. Es muss den Tauferern gut getan haben, als er ihr Dorf als Dreh- und Angelpunkt des Alpenbogens bezeichnete. Über den „Rambach im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie“ hatte Bürgermeister Hermann Fliri zu berichten. Er vertrat die Gemeinden Taufers, Mals, ­Glurns und Schluderns, die bereits im fernen 1992 – damals als Abwasserverband – um die Wasser-Konzession angesucht hatten, um den Rambach für die Stromproduktion zu nutzen. Bürgermeister Fliri lieferte Zahlen und nannte Ross und Reiter, als er auf die prozentuelle Beteiligung der Landesenergiegesellschaft SEL und der Gemeinden einging. Kernpunkt seiner Aussage war die Restwassermenge, die gesetzlich bei 250 Sekundenliter und im Projekt bei 760 Sekundenliter festgeschrieben sei. „Wenn wir wie im Münstertal alle Seitenbäche ohne Restwasser nutzen könnten, bräuchten wir den Strom aus dem Rambach nicht. Aber da würde wohl niemand einverstanden sein“, fragte Hermann Fliri rhetorisch in die Zuhörer. Auf eine Bemerkung Gabriella Binkerts anspielend meinte er: „Zum Glück haben wir keine Abwanderung, so dass wir nicht deswegen das Kraftwerk brauchen.“ Die Regie der Umweltschutzgruppe mit dem Vorsitzenden Helmuth Schönthaler und dem Sprecher Rudi Maurer sah als letzten Referenten den Risiko-Berater für Naturgefahren ­Andreas Zischg vor. Er sollte auf die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten - Zischg nannte sie Potenziale - des unberührten Rambaches hinweisen. Die Ausweitung nannte er den besten Schutz vor Überschwemmungen; der Erholungswert einer unberührten Natur und das intakte Landschaftsbild enthielten touristisches Potenzial. Er schloss seine Ausführungen mit dem Satz: „Wir sind es unseren Kindern schuldig, solche unberührten Räume zu schaffen.“ An diesem Punkt ergänzte Bürgermeister Fliri seine Ausführungen mit den Umweltmaßnahmen, die im Kraftwerkprojekt vorgesehen seien, darunter die Renaturierung des verbauten Flussabschnittes ab dem Laatscher Sportplatz Richtung Glurns. Helmuth Schönthaler erinnerte an die „Umschichtungsidee“ von Christina Kury vom März 2008, nach der Gemeinden, die auf Stromproduktion verzichten, über Ufer- und Umweltgelder entschädigt werden. Erich Daniel zeigte sich überzeugt, dass der Tourismus langfristig von einem unberührten Rambach mehr davon habe. Bürgermeister Erwin Wegmann aus Schluderns sah im Projekt ausreichend Restwasser vorgesehen. Peter Gasser warf den Gemeinden vor, Finanzlöcher stopfen zu wollen; fragte sich, warum die SEL mitmischen müsse und gab vor, sich vor den Schweizern zu schämen. Toni Theus, Tierarzt aus Müstair, wollte präzisiert haben, dass im Münstertal die Seitenbäche genutzt wurden, um die Stromversorgung zu sichern und nicht um Gewinne zu machen. Nach Ruedi Haller wäre es für das gesamte Münstertal etwas Besonderes, den einzigen nicht verbauten Tal-Fluss der Alpen zu haben. Reto Wiesler appellierte an seine Landsleute: „Tauferer, steht hinter eurem Fluss!“ und hielt vergebens nach Touristikern im Saal Ausschau. Rudi Maurer mahnte: „Man kann nicht alles haben. Ein naturbelassener Bach eröffnet Chancen für spätere Generationen.“ Christoph Wallnöfer, Sprecher einer nicht mehr aktiven Bürgerinitiative in Taufers, möchte von Leben- und Menschenschutz statt von Umweltschutz reden. Auf die Anspielung, in der Gemeindestube würden Beschlüsse im stillen Kämmerlein gemacht, verließ Kulturreferentin Roselinde Gunsch Koch aus Protest den Saal. Peter Gasser meinte, niemand wisse in Südtirol noch, nach welchen Regeln Konzessionen vergeben würden. Auch der private Mitbieter Frasnelli aus dem Eisacktal könnte die Konzession bekommen und den Rahm abschöpfen. Bürgermeister Fliri konterte mit dem Hinweis auf das Omnibus-Gesetz vom 15. Jänner, nach dem Konzessionen nur mit dem Einverständnis der Grundeigentümer vergeben werden können: „Frasnelli würde von der Gemeinde Taufers dieses Einverständnis nie bekommen.“ Stefan Vidal aus Taufers schlug vor, angesichts des unsicheren Ausganges der Konzessionsvergabe den Fluss einfach unter Schutz zu stellen. Gabriella Binkert drängte: „Man sollte eine Machbarkeitsstudie ausarbeiten. Ich bin überzeugt, dass sich durch eine unberührte Flusslandschaft langfristig ein Mehrwert für die Gemeinden ergibt.“
Günther Schöpf

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