Stammtischatmosphäre in der Mittelpunktbibliothek.

Auch Träume können wachrütteln

Publiziert in 14 / 2013 - Erschienen am 17. April 2013
2. Schlandersburger Gespräche: Eva Prantl, Josef Stricker und Erich Kofler Fuchsberg durften Visionen entwickeln. Schlanders - Moderator Erich ­Daniel ließ den drei Referenten einen weiten Spielraum, über mögliche Entwicklungen der Südtiroler Gesellschaft zu sinnieren. Zwischen dem trockenen „Wer Visionen hat, sollte gleich zum Arzt gehen“ von Altbundeskanzler Helmut Schmidt bis zum „I have a dream“ des Bürgerrechtlers Martin Luther King hatten auch die 2. Schlandersburger Gespräche ihren Platz. Umweltschützerin Eva Prantl griff einen Gedanken des englischen Staatsmannes und Humanisten Thomas Morus aus dem Jahre 1516 auf, der vorgeschlagen hatte, allen Menschen des Landes eine Art Lebensunterhalt zu zahlen, um Diebstahl vorzubeugen. „Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen könnten die Menschen, vom Arbeitsdruck befreit, sich sozialen und innovativen Projekten zuwenden“, zitierte sie eine libertär-soziale Position. Nur zum Teil erfolgreich verlaufen seien Versuche in Alaska und in Namibia, weil - so sinngemäß Prantl - wirtschaftsnahe Kreise befürchten, die Erwerbsarbeit könnte sinken. Am liebsten die männliche Kompetenz in Frage stellen möchte der Künstler Erich Kofler Fuchsberg. „Eine zukunftsfähige Gesellschaft braucht permanente Veränderung und permanenten Umbau“. Der aber sei nur durch Tabubrüche erreichbar. Permanente Veränderung schaffe auch die Kunst, weil sie Denkmuster zerlege. Kofler nannte dies einen „Dekompostierprozess“, der für die Entwicklung einer Kultur Voraussetzung sei. Nur scheinbar weit entfernt war der Künstler vom geistlichen Assistenten des KVW, Josef Stricker, der der Südtiroler Gesellschaft zu viel Konsumdenken attestierte und sie mit spätrömischen Verhältnissen verglich. Indem er den Historiker Theodor Mommsen zitierte: „Rom ging unter, weil sich die Römer nicht mit den eroberten Völkern vermischten“ wagte er einen echten Südtiroler Tabubruch. Nach Stricker müsse sich Südtirol öffnen, weniger wichtig nehmen und in Zeiten des Pluralismus dennoch eine neue Identität anstreben. Die Fragen aus dem Publikum ermöglichten es den Referenten, ihre Gedankenanstöße zu vertiefen. Dabei ging es um die Finanzierbarkeit des Grundeinkommens, um die Femminisierung der Gesellschaft, um die Sorgen, Arbeit und Freizeit würden noch weiter auseinanderdriften oder unangenehme Arbeiten würden zu mehr Einwanderung führen. Es gab auch Bedenken, dass die in der Bibliothek versammelte Generation nicht im Namen der Jugend sprechen könne. Moderator Daniel verzichtete auf eine Zusammenfassung. „Das wäre eine Beleidigung der Referenten“, meinte er und ließ die Argumente stehen und wirken. Günther Schöpf
Günther Schöpf
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Vinschger Sonderausgabe

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