Aus Angst vor Neonazis in die Etsch gesprungen

Publiziert in 5 / 2006 - Erschienen am 8. März 2006
„Ich fürchtete um mein Leben, rannte in der Dunkelheit durch die Obstwiesen und sprang in die Etsch.“ So schildert ein 17-jähriger Jugendlicher seine unvergessliche „Begegnung“ mit jungen Neonazis. Zugetragen hat sich der Vorfall in und außerhalb einer Diskothek in Naturns. Ein Anrainer der Disco hatte gegen 2 Uhr lautes Geschrei gehört. Er eilte dem Jugendlichen zu Hilfe und rief die Carabinieri. Der Jugendliche und der Anrainer, der ihm geholfen hat, haben sich bereit erklärt, dem „Vinschger“ den Hergang der tätlichen Auseinandersetzung zu erzählen. Geschehen ist das Ganze in der Nacht auf den 18. Februar. Der 17-Jährige hielt sich zusammen mit Freunden in der Diskothek auf. Es kam zu wörtlichen und später auch tätlichen Auseinandersetzungen mit jungen Männern, die laut dem 17-Jährigen eindeutig der rechtsradikalen Szene zuzuordnen sind. Auf die Frage, was genau zur Auseinandersetzung geführt hat, sagte der Jugendliche: „Sie haben gestänkert, geschubst und Parolen von sich gegeben, wie dies Neonazis zu tun pflegen. Ich bin nicht einer, der sich alles gefallen lässt und halte gerade vor Neonazis, vor denen viele Angst haben und sich lieber drücken, nicht den Mund.“ Der junge Mann wurde in der Folge von vier Rechtsradikalen, die vermutlich aus dem Raum Bruneck stammen, gewaltsam aus der Diskothek hinausgeworfen. „Sie rannten mir hinterher. Weil kein Shuttle-Bus zur Stelle war, lief ich in das Pub und suchte auch die Hilfe der Türsteher.“ Beim Verlassen des Lokals waren die Neonazis aber immer noch da. „Der Stärkste von allen lief auf mich zu und ich rannte davon,“ erinnert sich der 17-Jährige. Er lief bei stockdunkler Nacht durch die Obstwiesen und sprang in die eiskalte Etsch. Er wollte den Fluss überqueren, um den Verfolgern zu entkommen. In der Mitte des Flusses wurde er von der Strömung mitgerissen. Es gelang ihm, an das Ufer zurück zu schwimmen. Ein Anrainer der Disco hatte gegen 2 Uhr die verzweifelten Hilfeschreie des Jugendlichen gehört. Er eilte mit einer Taschenlampe zum Etschufer, verständigte die Carabinieri und versuchte, dem jungen Mann zu helfen. Dieser war dermaßen geschockt und verängstigt, dass er niemanden an sich heranlassen wollte. Erst als die Carabinieribeamten, die sofort herbeieilten, in unmittelbarer Nähe waren, fasste er Vertrauen. Der Anrainer wickelte den durchnässten und frierenden Jugendlichen in eine Decke ein. „Es ist äußerst bedenklich, mit welcher Gewalt junge Rechtsradikale vorgehen,“ sagt der Anrainer. Er selbst sei zwar kein Angsthase, „aber bei solchen Leuten weiß ich mir keinen Rat mehr.“ Er und seine Familie fühlen sich infolge der Anwesenheit rechtsradikaler „Horden“ im unmittelbaren Umfeld nicht mehr sicher. Auf die Frage, ob er jetzt Angst habe, meinte der 17-Jährige: „Ich habe nur Angst, dass sie mir irgendwo auflauern, sonst habe ich keine Angst. Wenn alle schweigen, fühlen sich die Rechtsradikalen nur stärker.“ Einen weiteren unliebsamen „Kontakt“ mit Neonazis hat der 17-Jährige am unsinnigen Donnerstag in Meran gehabt. Er und seine Freunde seien in einer Bar in der Nähe des Kornplatzes von Neonazis angepöbelt worden. Es kam wiederum zu Handgreiflichkeiten und der junge Mann rannte schnell zur Polizei am Kornplatz, wo er Anzeige erstattete. Die Beamten nahmen die vermutlichen Angreifer mit auf das Revier. Auch ein Pflasterstein ist im Zuge des Vofalls in Meran gegen den Jugendlichen geworfen worden. Getroffen hat ihn der Stein zum Glück nicht. In der rechtsradikalen Szene gibt es laut dem 17-Jährigen etwas ältere Mitglieder, die sich eher im Hintergrund halten. Die „ärgsten“ seien die 18- bis 20-Jährigen und die mit Abstand frechsten die vielen jungen „Nachzügler“. Vor allem im Raum Schenna und auch im Passeiertal gebe es rechtsradikale Kreise. Mit Leuten aus diesen Kreisen reden ist laut dem Jugendlichen so gut wie unmöglich. Übermäßiger Alkoholkonsum sei bei Neonazis oft üblich. Auf die Frage, wie in der Schule mit dem Thema umgegangen werde, meinte der 17-Jährige, dass sich die Lehrer nicht darum kümmern, selbst wenn es in der Klasse Rechtsradikale gibt. Auch außerhalb der Schule werde wenig getan, um junge Leute aus den Neonazi-Kreisen herauszuholen. Wie dem „Vinschger“ mehrfach bestätigt wurde, soll es in einer Schule in Meran auch einen Lehrer gesetzten Alters geben, der rechtsradikal gesinnt ist.
Josef Laner
Josef Laner

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