Die vier H‘s aus dem Hause Spechtenhauser: Hansi, Hilde, Hans und Hubert (von links).

Der Sottler-Hans hat den Hunderter erreicht

Publiziert in 45 / 2013 - Erschienen am 18. Dezember 2013
Die Naturnser feierten 100. Geburtstag von Hans Spechtenhauser. der Vinschger zeichnet ein ungewöhnliches Leben nach. Naturns - Zwischen dem 4. November 1913 und dem 4. November 2013 war der Sottler Hans von der Lahn zuerst Waisenkind, dann Knecht, schließlich Deserteur, Gefangener, wieder Knecht, Chauffeur, Gebirgsjäger, SS-Polizist, Gefängniswärter, Partisanenbekämpfer, Offiziersbursche, Gerichtsbeisitzer, Kriegsgefangener, Flüchtling, Weber, Ehemann, Vater, Tourismusmanager und Raika-Funktionär. Seit Jahren ist er ein gesuchter Zeitzeuge, der in Kaiser Franz Josefs Doppelmonarchie Österreich-Ungarn geboren und eines Morgens als Untertan von Vittorio Emanuele di Savoia, König von Italien, aufgewacht ist. Inzwischen hat er in seiner Heimatgemeinde bereits viele interessierte und versierte Biographen gefunden, die seine Offenheit zu schätzen wussten und sein Erinnerungsvermögen genützt haben. So hat seine in Würzburg lebende Tochter Hilde viel Familiengeschichtliches gesammelt und aufbereitet. Die Chronistin Maria Fliri hat den Hans als „Weber und Tourismusmanager“ ebenso porträtiert, wie in jüngster Zeit sein Wegbegleiter im Verwaltungsrat der Raika Naturns, Friedl Ganthaler. Lieber Bettler in Österreich als Held in Abessinien Es bereitete Vergnügen, mit Hans Spechtenhauser zu plaudern. Gern erzählte er von seiner kargen Jugendzeit, seinem entbehrungsreichen Leben als Knecht, von seinen Stiefeltern, die ihn lieber beim Arbeiten als in der Schule sahen. Besonders die Flucht über die Berge nach Deutschland, um der Einberufung nach Abessinien zu entgehen, scheint sich ihm eingeprägt zu haben. Spitzbübisch lachend berichtete er von der Abschiebung nach Österreich, weil er bei der politischen Schulung im Lager bei München zum „Taugenichts, der nichts kann“ erklärt worden sei und wie er eine Bettelgenehmigung für die Salzburger, aber nicht für die Innsbrucker Gegend erhielt. Ihm war bewusst, dass er trotz der entbehrungsreichen Zeit immer auch Glück hatte. So wie damals als landwirtschaftlicher Arbeiter bei einem Landadeligen in Scheffau am Wilden Kaiser. Es war ein Glücksfall, dort den Führerschein machen zu können, weil ein älterer Nachbar am Sonntag herumkutschiert werden wollte. Als Grund, sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden, führte er an, den Truppenteil selbst wählen zu können. Gebirgsjäger wollte er werden. Er wurde es, aber beim 18. SS-Polizei-Gebirgsjägerregiment. Die Tragweite war ihm damals sicher nicht bewusst. Dass sein Aufgabenbereich nicht die Front, sondern im Hinterland der Kampf gegen Widerständler und Partisanen war, merkte er zuerst in Norwegen. Einige Monate sogar als Gefängniswärter in Oslo. Später war er in Oberkrain gegen die Partisanen im Einsatz, dann wieder in Finnland. Statt in den Kaukasus, wofür Gebirgsjäger ausgebildet waren, wurde er schon 1943 aus dem kühlen Norden nach Griechenland geschickt. „Mit denselben Uniformen wie in Finnland kamen wir in die Hitze Griechenlands“, erzählte Hans. „Fast alle haben wir die Sch... und alles Mögliche bekommen.“ Aufgeteilt in kleinere Gruppen mussten die Gebirgsjäger in Saloniki kapitulierende Italiener unter Kontrolle halten. Amüsiert schilderte er, wie der Bataillonskommandant ihn, der „kaum lesen und schreiben konnte“ zuerst zum Dolmetscher und später sogar zum Beisitzer bei Gerichtsverhandlungen machte. Er erzählte von seiner kurzen Gefangenschaft bei den Partisanen, von der abenteuerlichen Flucht und der Heimkehr nach Scheffau. Vom Schützengraben an den Webstuhl Sein Nachkriegsleben begann er mit dem Erlernen des Weberhandwerks. Bei der Einschulung traf er auf seine spätere Frau Anna aus dem Großwalsertal, heiratete und gründete eine Familie. 1949 kamen die Zwillinge Hildegard und Hansi zur Welt. In seiner Tiroler Heimat wurde Hans Spechtenhauser auch mit dem Tourismus vertraut. Als er unerwartet wieder die italienische Staatsbürgerschaft erhielt, verkaufte er seinen Besitz in Österreich. „Bis ich die Schulden abgezahlt hatte, blieb nicht mehr viel übrig“, erzählte er. Es gelang ihm - immer an der Lahn und diesmal im Schatten von Schloss Hochnaturns - von der Gemeinde ein paar Quadratmeter und von einem Bauern ein Stück Weinberg zu erwerben. Bereits 1957 entstand so das erste, private Gästehaus in Naturns, die Pension Schönblick. Sie kam ins Gerede, als sich die „Nocketen“ im ersten Naturnser Freibad vergnügten. In diesen Aufbruchsjahren vergrößerte sich die Familie, Sohn Hubert wurde geboren. Hans, der vorgab „kaum schreiben und lesen“ zu können, war ein guter Rechner mit dem Bauchgefühl für das Machbare und mit der Fähigkeit, sich in ungewöhnlichen Situationen zurechtzufinden. Er war sich nie zu schade, das Gepäck der Gäste mit der Schubkarre am Bahnhof abzuholen oder mit dem Fahrrad herumzufahren, um freie Zimmer aufzutreiben. Es versteht sich, dass er mit seinen Kontakten zu Reisebüros Präsident zuerst des Verschönerungsvereins mit Sitz im Gasthaus Post und später des Verkehrsvereins werden musste. Als Aufsichtsrat der Raiffeisenkasse von 1968 bis 1986 begann sich der Kreis der vielen Leben des Sottler Hans zu schließen. Günther Schöpf
Günther Schöpf
Günther Schöpf

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.