Martha Stecher, Jg. 1962 Diplomstudium der Pädagogik in Innsbruck. Von 1987 bis 1995 Mitarbeiterin in derAbteilung für Berufsbildung in deutscher und ladinischer Sprache in Bozen. Seit 1995 Direktorin der Sozialdienste der Bezirksgemeinschaft Vinschgau

“Dienste sollen zusammengeführt werden”

Publiziert in 24 / 2004 - Erschienen am 16. Dezember 2004
[F] Sozialdienste im Vinschgau: Direktorin Martha Stecher spricht über ihre Aufgabenbereiche, über Altenbetreuung, Kinderschutz und Integration der Menschen mit Behinderung. Sie erläutert das Zusammenspiel mit politisch Verantwortlichen und Wirtschaft und analysiert die Berührungspunkte mit dem Volontariat und der Sanität. Interview: Magdalena Dietl Sapelza Foto: Erwin Bernhart [/F] “Der Vinschger”: Seit neun Jahren sind sie Direktorin der Sozialdienste der Bezirksgemeinschaft Vinschgau. Mittlerweilen leiten Sie einen großen Betrieb. Ihre Aufgabenbereiche? Martha Stecher: Die Sozialdienste sind ein Teil der Bezirksgemeinschaft. Meine Aufgabe ist die Leitung dieses Bereiches der Bezirksgemeinschaft. Das sind Dienste für Menschen mit Behinderung, für psychisch kranke Personen, für alte Menschen, für Familien, kurzum für Bürgerinnen und Bürger, die eine soziale Hilfestellung brauchen. Wir haben ambulante Dienste, die der Sprengel anbietet. Dann haben wir Einrichtungen wie Tagesstätten, eine Wohngemeinschaft und Berufstrainingszentren für psychisch kranke Personen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Im Bereich der Dienste für Menschen mit Behinderung ist die Lebenshilfe eine wichtige Partnerin. Sozialdienste, eine Domäne der Frauen? Ja. Ich denke, dass Frauen in diesem Bereich sehr qualifiziert sind. Diese Dienste waren immer schon ein großer Teil ihrer Arbeit. Früher gab es - wie in vielen Bereichen übrigens immer noch - die Männer in der Führungsebene und die Frauen waren sozusagen die Helferinnen. Da hat sich einiges verändert. In Führungsebenen der Sozialdienste arbeiten landesweit mittlerweile zirka die Hälfte Frauen. Auf der Mittearbeiterinnenebene sind die Frauen in der Mehrzahl. Ich möchte das positiv für die Frauen werten. Das spricht für deren Fähigkeiten für diese Profession. Und Männer täten gut daran, diese Qualifikation auch attraktiv zu finden. Sie arbeiten mit Bürgermeistern zusammen. Ein hartes Geschäft mit Männern? Nein. Ich würde das nicht einen harten Job nennen. Die Sozialdienste sind vom Land an die Gemeinden delegiert. Die Gemeinden haben sich als Bezirksgemeinschaft zusammengeschlossen, die diesen Betrieb führt. In zwei wöchentlichen Sitzungen werden im Bezirksausschuss Maßnahmen beschlossen. Die verschiedenen Führungsebenen sind für deren Umsetzung verantwortlich. Meine Aufgabe ist die Koordination, das Gespräch mit der politischen Ebene und mit den Mitarbeiterinnen. Die politische Ebene zeigt soziales Engagement. Hier hat sich eine fruchtbringende Arbeit entwickelt. In den Gemeinden arbeiten wir vorwiegend mit Sozialassessorinnen und -assessoren zusammen. Ich denke, das Soziale gewinnt immer mehr an Bedeutung. Großen Wert legen wir auf das Volontariat in den Gemeinden. Wie groß ist die Bereitschaft, freiwillig Dienste für andere zu erledigen? Sehr groß. Wir haben große Schätze. Es gibt sehr viele Menschen, die dazu bereit sind. Wir begleiten sie durch regelmäßige Besprechungen. Es gibt eine Spesenrückvergütung. Ihre Zeit bezahlen wir nicht. Es ist uns ein großes Anliegen, dass die im Volontariat Tätigen auch Fortbildung bekommen. Vorwiegend waren es Frauen, die sich hier engagierten. Doch wir haben mittlerweile auch einen großen Anteil an Männern, die zum Beispiel täglich das Essen austragen. Auf der zwischenmenschlichen Ebene, bei Gesprächen, Freizeitgestaltung, in der Begleitung, dominieren die Frauen. Doch ich hoffe, dass auch hier immer mehr Männer dazukommen. Zusammenspiel Volontariat und Sozialdienste. Die einen verdienen, die anderen nicht. Spannungsfelder? Nein. Da gibt es keine Spannungsfelder. Da gibt es keine Konkurrenz. Die Einbindung des Volontariats ist uns ein großes Anliegen. Wir sparen zum Beispiel in der Bezirksgemeinschaft zwei Altenpflegerinnen, weil "Essen auf Räder" durch Freiwillige ausgeteilt wird. Dadurch haben unsere Mitarbeiterinnen mehr Zeit für die professionelle Pflege. Wenn wir diese Teilbereiche der Gemeinschaft übergeben, haben wir mehr Stunden frei für Beratung und Dienstleistungen. Sozialdienste - ein Wachstumsmarkt? Zunahme vor allem im Altenbereich. Im Bereich der Pflege für alte Menschen wird sicher ein weiterer Ausbau notwendig sein, doch nicht planlos. Unsere Aufgabe ist auch, zu schauen, wie viel braucht es. Dass es Sozialdienste gibt, ist ein Wohlstandzeugnis und heißt aber auch, dass die Gesellschaft ein bisschen krank ist, weil viele Probleme im Alltag nicht aufgefangen werden können. Zum Beispiel im Kinderschutz. Es ist der Ausdruck von Krankheit in der Gesellschaft, dass wir Kinderschutz brauchen. Ich hoffe, dass es hier nicht eine große Zunahme sein wird. Die Gesellschaft hat sich verändert. Früher hat die Großfamilie einiges aufgefangen. Die Großfamilie hat sehr vieles getragen und sie hat auch vieles vertuscht, zum Beispiel bei sexuellem Miss-brauch. Es ist nicht so, dass es das Phänomen erst seit fünf oder sechs Jahren gibt. Das Thema ist Gott sei Dank stärker enttabuisiert worden. Heute wird mehr aufgedeckt. In prekären Fällen hat die Bevölkerung oft den Eindruck, die Sozialdienste greifen zu spät ein. Wir sind nicht die Aufpasser der Gesellschaft. Die Sozialdienste sind nicht in Kindergärten, in Schulen tätig. Wir brauchen begründete Informationen. Es gibt pädagogisch geschulte Leute an diesen Orten. Oft braucht es Zivilcourage. Wichtig ist, dass die Leute anrufen, wenn sie glauben, ein Fehlverhalten zu beobachten, sich beraten lassen und die Fälle eventuell an uns abgeben. Es ist nicht so, dass wir den Familien einfach Kinder wegnehmen, wie es manchmal heißt. Wir handeln erst im Auftrag des Jugendgerichtes und müssen dann geeignete Maßnahmen zum Schutz der Kinder ergreifen. Das Gericht reagiert auf begründete Hinweise und interveniert. Der Bedarf nach Dienstleistungen steigt. Steigt auch der Bedarf im Verwaltungsapparat? Nicht unbedingt. Wir reden derzeit von schlanken Verwaltungen. Es ist klar: Verwaltung und Dienstleistung ist eine konflikthafte Geschichte. Verwaltung braucht es, weil wir transparent arbeiten müssen. Wir arbeiten ja mit Steuergeldern. Das bedeutet Verwaltungsaufwand. Priorität muss aber in erster Linie der Dienst an den Menschen haben. Wir sind in der Bezirksgemeinschaft gerade dabei, den Aufwand der Verwaltung unter die Lupe zu nehmen. Sozialdienste und Wirtschaft. Gegensätze? Nein. Das sehe ich überhaupt nicht so. Wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft, damit wir uns die Sozialdienste leisten können. Die Sozialdienste entlasten auch die Wirtschaft. Leider sind sie manchmal Reparaturwerkstätten der Wirtschaft. Wenn in der Arbeitswelt der Druck steigt, erkranken Menschen. Es ist ein Ineinandergreifen, ein Zusammenspiel, das noch verstärkt werden sollte. Ein Beispiel: das Regionalentwicklungszentrum Spondinig entwickelt zusammen mit den Sozialdiensten und anderen Partnern auch Projekte für psychisch kranke Menschen, für pflegende Angehörige, Kinder... Regionalentwicklung heißt wirtschaftliche, kulturelle und soziale Entwicklung einer Region. Das wurde im Vinschgau verstanden. Die Sozialdienste haben viele Berührungspunkte mit der Sanität. Vieles läuft zweigleisig. In der Pflege zu Hause kommt vormittags die Altenpflegerin, nachmittags die Krankenschwester. Ein kostenintensives Arbeiten? Sie sprechen ein Thema an, das mir sehr am Herzen liegt. Die Dienste sollen zusammengeführt werden. Zu sagen, wo sie angesiedelt werden, ob bei der Sanität oder bei der Bezirksgemeinschaft, steht mir nicht zu. Wir haben schon sehr früh als Pilotprojekt das Zusammenspiel in der Pflege zu Hause zwischen Sanitäts- und Sozialdienst erprobt und es kann funktionieren. Das Problem dabei ist nach wie vor: Es gibt immer noch zwei Dienste. Durch eine Zusammenlegung ließen sich Kosten sparen. Beispiele aus dem Ausland zeigen das auch. Derzeit laufen auf Landesebene Bestrebungen in diese Richtung mit dem Ziel, effiziente und gleichzeitig kostengünstige Dienstleistung anzubieten. Wie weit ist man auf diesem Gebiet? Die Bezirksgemeinschaft wartet auf politische Entscheidungen. Das Land hat die Lösung dieser Frage als Priorität für das Jahr 2005 definiert, in Rückkoppelung mit den Sozialdiensten. Wie ein Betrieb dann ganz konkret arbeitet soll, muss der Realität angepasst werden. Ein Tal wie Vinschgau hat beispielsweise andere Bedürfnisse als eine Stadt. Die lokalen Stellen sollten sich damit befassen, damit das Ganze bevölkerungsnah ist. Wir von den Sozialdiensten haben entsprechende Vorschläge gemacht. Die Bezirksgemeinschaft könnte die Organisation anbieten. Sie hat die Voraussetzungen. Aber das ist eine politische Entscheidung. Sie sind eine Verfechterin der Integration von Menschen mit Behinderung. Was hat sich im Laufe dar Jahre geändert. Wie weit sind Integrationsprojekte gelungen? Vieles hat sich zum Positiven gewandt. Die Menschen sind sichtbarer geworden, werden mehr gefördert. Leider schaffen wir es nicht immer, Menschen in ihrem Anderssein anzunehmen. Menschen, die eine Pflege brauchen, sollten einerseits einen geschützten Ort haben und andererseits in Bewegung und in Kommunikation mit den Menschen sein. Fortschritte gibt es bei der Integration in der Arbeitswelt. Es gibt sehr viele aufgeschlossene Betriebe. Sie können diese Menschen nur aufnehmen, wenn sie eine Bezuschussung bekommen. Und das soll auch so sein. Wir betreuen viele diesbezügliche Projekte. Was fehlt ist die Entlohnung und die Rentenabsicherung, damit diese Menschen selbst bestimmt leben können. Ausbezahlt wird meist nur ein Taschengeld. Wenn jemand etwas leistet, aber nicht mehr kann, soll er auf eine Absicherung und einen Mindestlohn nicht verzichten müssen. Das gilt auch für psychisch kranke Personen, die aufgrund ihrer Krankheit öfters fehlen. Eine Gesellschaft sollte immer daran arbeiten, die Toleranz dem Anderssein gegenüber zu schulen. Die größten Herausforderungen für die Zukunft? Das werden der qualitative Ausbau der Einrichtungen und Dienste für psychisch kranke Personen, der Pflegebereich und die Kinderbetreuung sein. Eine weitere Herausforderung wird es sein, zu schauen, wo die größten Geldfresser sind. Wo können wir sparen und die Qualität des Dienstes erhalten. Wir sollten Organisationsformen in Frage stellen, neue andenken und umsetzen. Den Zugang zu den Dienstleistungen und die Qualität der Dienstleistungen an Menschen müssen wir sichern.
Magdalena Dietl Sapelza
Vinschger Sonderausgabe

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