Nationalparkdirektor Wolfgang Platter (links) und Präsident Ferruccio Tomasi im Zentralbüro in Bormio.

„Ich glaube an das Potential des Parks“

Publiziert in 25 / 2012 - Erschienen am 27. Juni 2012
Weniger Geld, verfallene Gremien und noch kein grünes Licht für eine eigenständige Verwaltung des Südtiroler Anteils: Nationalparkdirektor Wolfgang Platter ist auf vielen Baustellen gefordert. Wir besuchten ihn in Bormio. Der Vinschger: Herr Platter, der Nationalpark ist schon seit vielen Jahren Ihr Arbeitshauptfeld. Sie waren Präsident des Südtiroler Führungsausschusses, Außenamtsleiter in Glurns, für eine bestimmte Zeit zugleich Direktor und seit 2006 sind Sie Vollzeitdirektor. Der Staat versucht an allen Ecken und Enden zu sparen. Hat der Nationalpark noch Geld genug? Wolfgang Platter: Hier ist vorauszuschicken, dass der Nationalpark Stilfserjoch der einzige aller 23 italienischen Nationalparks ist, der als Konsortium geführt wird. Mit der konsortialen Führung - durchgesetzt mit einer Durchführungsbestimmung zum Autonomiestatut in den 70er Jahren zu Alfons Benedikters Zeiten - sollte eine Mitbeteiligung der Länder Bozen und Trient gewährleistet werden. 1992 wurde mit dem Abkommen von Lucca vereinbart, auch die Region Lombardei mit einzubeziehen. Aufgrund der konsortialen Führung hat der Nationalpark vier feste ­Finanzpartner, nämlich den Staat, die Autonomen Provinzen Bozen und Trient sowie die Region Lombardei. Wie viel Geld machen diese Partner jährlich locker? Das Haushaltsvolumen belief sich bisher auf rund 11 Millionen Euro im Jahr. 5,5 Mio. kommen vom Umweltministerium, fast 2 Mio. von Trient, 750.000 Euro von­ ­Bozen und 400.000 von der Lombardei. Obwohl 45% der Parkfläche in der Lombardei liegen - 41% befinden sich in Südtirol und 14 im Trentino - fällt die finan­zielle Beteiligung der Region Lombardei seit Jahren viel zu gering aus. Zusätzlich zu den genannten Geldmitteln kommen auch EU-Beiträge aus Brüssel dazu. Bei diesen Mitteln handelt es sich großteils um Investitionsbeiträge, mit denen in der Vergangenheit zum Beispiel die Errichtung von Nationalparkhäusern mitfinanziert wurde. Wie stark spürt der Park den Sparstift aus Rom? Bereits unter der Regierung Berlusconi wurde uns vorgeschrieben, im Zeitraum von 2010 bis 2012 bei den Personalkosten insgesamt 30% einzusparen. Wir haben den Personalstand für das beamtete Personal im Stellenplan von 61 auf 45 Personen reduziert. Die Förster als Aufsichtspersonal fielen nicht unter diese Bestimmung. Das Aufsichtspersonal im Südtiroler Parkanteil wird vom Land gestellt, die derzeit 15 Saisonarbeiter, die seit dem 1. April im Einsatz sind, wurden vom Land über das Forstinspektorat Schlanders eingestellt. Auch im Außenamt in Glurns, wo vier Personen beschäftigt sind, fahren wir auf Sparflamme. Wer kommt für die Spesen in den Nationalparkhäusern in Prad, Trafoi, Martell und Ulten sowie für die Voglwelt „Avimundus“ in Schlanders auf? Die Personalkosten trägt zur Gänze der Park. Bei den Führungskosten schultern die jeweiligen Sitzgemeinden 10%. Wie haben die Häuser ganz bewusst nicht irgendwo hingestellt, sondern Dörfer bzw. Gemeinden ausgesucht, die in der Entwicklung nachhinken, ich nenne hier zum Beispiel Trafoi, wo die Einwohnerzahl seit Jahren sinkt. Viel Aufwand bereitet der Parkverwaltung die Instandsetzung des Wege- und Steigenetzes. Das Steige- und Wegenetz im gesamten Park umfasst 4.500 ­Kilometer, ca. 1.250 davon liegen in Südtirol. Als einer von mehreren „Wegehaltern“ leisten wir in der Tat Geschätztes. Die Bedeutung dieser Arbeit wird nicht nur von der Tourismusbranche gewürdigt und anerkannt. Mit dem ersten Anlauf in Rom, den Südtiroler Parkanteil eigenständig verwalten zu können, hat es nicht geklappt. Wie geht es weiter? Das große Ziel der Durchführungsbestimmung, die der ­Ministerrat am 22. Dezember 2010 auf Vorschlag der Zwölferkommission genehmigt hat, der der Staatspräsident Giorgio ­Napolitano aber den Sichtvermerk verweigerte, war und ist es, vom konsortialen Führungsmodell Abschied zu nehmen und einen nur 7-köpfigen Lenkungsausschuss einzusetzen. Wir haben derzeit einen Präsidenten, nominiert vom Umweltminister, einen Parkrat mit 15 Mitgliedern, eingesetzt auf Vorschlag von verschiedenen Interessensgruppen, drei Führungsausschüsse mit insgesamt 41 Mitgliedern und 6 Rechnungsrevisoren. Am so genannten „technischen Tisch“ von Brescia haben wir versucht, einen Ansatz für ein modernes und schlankes Management nach den Vorgaben der Zwölferkommission zu definieren. Warum hat Napolitano den Ministerratsbeschluss nicht gegengezeichnet? Weil der Park nach seiner Ansicht eine Einheit bleiben muss, weil er nicht so geführt werden soll wie ein Naturpark und weil die Finanzierung der drei Anteile langfristig auch für die Lombardei abzusichern ist. Aber Landeshauptmann Luis Durnwalder hat ja zugesichert, dass das Geld für den lombardischen Anteil aus dem „Mailänder Abkommen“ fließen soll. Das stimmt, aber jetzt gibt es wieder Divergenzen und rechtliche Unklarheiten. Rechtsunsicherheiten gibt es auch bei der angestrebten Auflösung des Konsortiums, weil bestimmte Normen einander beißen. Also bleibt das Konsortium vorerst bestehen? Ja, zumindest für eine bestimmte Zeit. Derzeit aber ist es leider so, dass der Parkrat verfallen ist. Dasselbe gilt für die Führungsausschüsse* für das Trentino und Südtirol. Ohne Parkrat kann kein Führungsausschuss aktiv werden, denn dieser wird vom Parkrat ernannt. Der Parkrat ist auf Vorschlag der jeweiligen Landesregierung mit Dekret des Umweltministers einzusetzen. Seit dem Verfall des Parkrates wird der Park von Präsident Ferruccio Tomasi und mir als Direktor sozusagen mit Dringlichkeitsmaßnahmen geführt, um die Kontinuität der Verwaltung zu gewährleisten. Welche konkreten Vorteile hätte eine eigenständige Verwaltung für die im Park lebende Bevölkerung? Die Entscheidungen würden schneller, autonomer und unbürokratischer fallen, ohne dabei aber die Vorgaben und Leit­linien des Landschafts- und Naturschutzes aus den Augen zu verlieren. Auch den Nationalpark könnten wir besser verwalten als Rom, davon bin ich überzeugt. Die großen Nationalpark-Kriterien würden auf jeden Fall bleiben. Wer zum Beispiel glaubt, eines Tages könnte wieder die Jagd im Park zugelassen werden, irrt. Es geht grundsätzlich in allen Bereichen darum, den schmalen Grad zwischen Ökologie und Ökonomie gut zu bewältigen. Weite Teile der Marteller Bevölkerung stehen dem Nationalpark seit jeher ziemlich skeptisch gegenüber. In jüngster Zeit hat sich die Kritik offensichtlich etwas gelegt. Kann der Grund darin liegen, dass der Rotwildbestand dank regelmäßiger Entnahmen einigermaßen in Grenzen gehalten wird? An der Reduzierung des Rotwildbestandes arbeiten wir seit vielen Jahren. Das Ziel, das wir uns im Jahr 2000 setzten, war es, die damals bestehende Dichte von 10 Stück pro 100 Hektar auf 4 zu reduzieren. Nach vier Dreijahresplänen und insgesamt rund 4.000 entnommenen Stück Rotwild - die Abschüsse erfolgten in zwei geografischen Untereinheiten - haben wir jetzt eine Dichte von etwas mehr als 5 Stück pro Hektar erreicht. Nach einem Übergangsjahr 2011 wird das Außenamt heuer erneut Erhebungen durchführen und prüfen, wir stark die Schäden im Wald zurückgegangen sind. Landwirtschaftliche Intensivkulturen dürfen bekanntlich eingezäunt werden. Unser Ziel nach 2012 ist es, den natürlichen Zuwachs des Rotwildes abzuernten, sodass der Bestand stabil bleibt. Dass die Abschüsse gewirkt haben, bestätigt auch der Rückgang der Zahl der Gesuche für Wildschadensrückerstattungen und der Summen der Schadenszahlungen. Der Nationalpark als Ganzes wird in nicht wenigen Köpfen immer noch eher als „aufgesetztes Gebilde“ empfunden als ein Potential, das noch viel stärker ausgeschöpft werden könnte. Der Nationalpark Stilfserjoch ist 1935 entstanden, und zwar nicht nach Kriterien von modernen Nationalparks wie wir sie in Europa häufig vorfinden, ich nenne etwa den Nationalpark Hohe Tauern. Bei der Gründung neuerer Nationalparks wurde versucht, bestimmte Konfliktfelder von vorneherein auszugrenzen. Ich nenne etwa die Ausklammerung von Dauersiedlungen oder Gewerbegebieten. Klar ist, dass das Werben für den Landschaftsschutz und die Ökologie ein Erziehungsprozess ist. Klar ist auch, dass wir viele Aktivitäten setzen, nicht nur im Bereich des Landschaftsschutzes, sondern auch im Bildungsbereich mit Angeboten in den Nationalparkhäusern, mit geführten Wanderungen, Wechselausstellungen und vielen weiteren Elementen. Das Potential, diesen Natur- und Kulturraum ersten Ranges als Alleinstellungswert zu nutzen ist groß, sicher größer als es heute genutzt wird. Manche Personen gehen auf diesem Weg schneller und überzeugter mit als andere. Ich persönlich glaube fest an dieses Potential. Dieser Glaube ist auch der Grund, warum ich an diesem Arbeitsplatz hier in Bormio sitze. Sepp Laner * Die Namensvorschläge für den Südtiroler Führungsausschuss liegen seit kurzem vor. Die Benennung erfolgte durch die Landesregierung. Auch die ­Namensvorschläge für den Trentiner Führungsausschuss stehen.
Josef Laner
Josef Laner

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.