„Am liebsten würde ich meine Schüler mitnehmen.“

Ich würde sofort wieder hinfahren

Publiziert in 30 / 2012 - Erschienen am 29. August 2012
Hanna Bernhard aus Latsch half ein Jahr lang freiwillig in einem Flüchtlingslager in Thailand mit. Schlanders/Latsch - Vor zwei Jahren an Weihnachten war eine Gruppe von Maturanten des Realgymnasiums Schlanders auf Anregung ihres Religionslehrers Jaroslav Kaczanowski und seiner Frau Herta Flader in Thailand gewesen, um in einem Flüchtlingslager von „Helfen ohne Grenzen“ burmesischen Flüchtlingen zu helfen. Unter ihnen war auch Hanna Bernhard aus Latsch. Sie hat nach der Matura ihre Absicht wahr gemacht und ist noch einmal für ein Jahr in dieses Flüchtlingslager zurückgekehrt, um an der dortigen Schule zu unterrichten. Nach ihrer Rückkehr haben wir sie nach ihren Erfahrungen befragt. : Ist Dein Aufenthalt in Thailand so abgelaufen, wie Du es Dir vorgestellt hast? Hanna Bernhard: Ja, besser sogar. Wir hatten viel Spaß mit den Kindern. Ich arbeitete in einer so genannten Migrationsschule und unterrichtete dort Kinder von fünf bis 14 Jahren. Es waren im Vergleich zu uns hier echt krasse Verhältnisse. In einem einzigen Raum waren alle 120 Kinder untergebracht. Den ganzen Tag war es ein Puff. Nach der burmesischen Lernmethode wird nämlich sehr viel einfach buchstabiert. Wenn dann drei oder vier Klassen den ganzen Vormittag auf Englisch oder Burmesisch buchstabieren, dann konnte es so laut werden, dass ich meine eigenen Worte nicht mehr verstand. Was hat Dich am meisten beeindruckt in Thailand? Die Menschen sind so offen und herzlich miteinander, auch die Kinder. Ich habe mich jeden Tag auf meine Schule gefreut und noch nie so gerne gearbeitet, auch wenn ich dafür nichts bezahlt bekommen habe. War alles nur herzlich? Nein, ich habe auch haarsträubende Geschichten erlebt. Zum Beispiel? Ich hatte eine achtjährige Schülerin, deren Eltern sich getrennt hatten. Dann haben sie das Mädchen einfach nicht mehr gewollt. Das ist drüben ganz normal, dass man Kinder verstößt, wenn sich die Eltern trennen. Sie wohnt jetzt bei ihrer 80-jährigen Oma, die es auch fast nicht mehr „drpackt“. Das finde ich furchtbar. Dann gab es auch noch Gruselgeschichten von Kinderopfern. Dafür wurden Kinder hergenommen, die niemandem abgehen und das sind meist illegale Flüchtlinge, denn die können sich nicht wehren und fehlen auch niemandem. Schlimm ist auch die Ausbeutung und menschenunwürdige Behandlung der burmesischen Flüchtlinge durch die thailändischen Arbeitgeber. Diese sind an ihnen froh, weil sie sie hemmungslos ausbeuten können. Sie tun mit ihnen, was sie wollen, weil die Illegalen nicht einmal zur Polizei gehen können, um sich zu beschweren. Wie ist diese Herzlichkeit einerseits und andrerseits diese Grausamkeit zu verstehen? Bei den Kindern konnte ich das nicht beobachten, denn in der Schule können sie abschalten. Ich denke, die Grausamkeit ist mehr bei den Erwachsenen, von denen es die heranwachsenden Kinder dann lernen. Zu mir waren alle freundlich und herzlich, ich bin in keinen Konflikt hineingeraten. Ist damit Dein thailändisch-burme­sisches Abenteuer abgeschlossen? Ich würde sofort wieder nach Thailand zurück fahren; ich ­könnte mir sogar vorstellen, für immer dort zu bleiben, weil ich mich dort wohl gefühlt habe und zum Leben braucht man nicht viel. Ich werde meine Kinder sicher bald wieder besuchen und bleibe auf jeden Fall mit ihnen in Kontakt. Der Abschied von ihnen war so herzlich und so traurig. Einen ganzen Stapel von selbst gemalten Abschiedskarten haben sie mir geschenkt. Ich bringe es fast nicht übers Herz, sie anzuschauen. Du hast Dein Herz in Thailand verloren? Ja, ein ganzer Teil von mir ist drüben geblieben. Wenn jemand in diesem Projekt mitarbeiten möchte, an wen müsste er oder sie sich wenden? Bei „Helfen ohne Grenzen“ kann sich jeder melden oder sich im Internet unter www.helfenohnegrenzen.org informieren. Interview: Friedrich Haring
Friedrich Haring
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Vinschger Sonderausgabe

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