Bei der Aussprache im Krankenhaus

Lange „Arbeitsliste” für Martha Stocker

Publiziert in 8 / 2014 - Erschienen am 5. März 2014
Neue Landesrätin auf Stippvisite. „Ich nehme eure Wünsche, Sorgen und Anregungen ernst.” Schlanders - Der Zentralisierung entgegen treten, die Fachkompetenz halten, weitere Ausdünnungen des medizinischen Angebotes vermeiden, zusätzliche Dienste nach Schlanders bringen und die volkswirtschaftliche Bedeutung mehr ins Rampenlicht rücken. Darin sieht der ärztliche Leiter Anton Theiner die wichtigsten Herausforderungen, um den Standort des Krankenhauses Schlanderser halten, ja vielleicht sogar stärken zu können. Vorgetragen wurden diese und weitere Wünsche und Anregungen der neuen Gesundheitslandesrätin Martha Stocker, die am 26. Februar das Krankenhauses besuchte. Im Vorfeld einer Aussprache mit Vertretern der Ärzteschaft, des Pflegepersonals, der Verwaltung und weiterer Dienste hatte Stocker den neuen Krankenhaustrakt besichtigt sowie den Bettentrakt, der zurzeit umgebaut wird. „Auch wenn der Lärm und andere Unannehmlichkeiten die Emotionen täglich hoch gehen lassen, und auch wenn wir derzeit unter einer Bettenknappheit leiden und auf eine Unterstützung von außen, sprich seitens der Seniorenheime von Schlanders und Mals warten, sind wir froh, dass umgebaut wird“, so Theiner. Aber auch auf notwenige „Arbeiten“, die das Innenleben des Krankenhauses betreffen, verwies er. Als Grundversorgungskrankenhaus verfüge das Krankenhaus Schlanders mit rund 36.000 Einwohnern über ein Einzugsgebiet wie es die beiden anderen Grundversorgungskrankenhäuser Sterzing und Innichen zusammen haben. Das Leistungsangebot in Schlanders reicht von der Inneren Medizin, der Allgemeinchirurgie und der Gynäkologie und Geburtshilfe über die Kinderabteilung (in Schlanders als Mutterkindbereich mit der Geburtsabteilung zusammengelegt) bis hin zu den Diensten Anästhesie und Radiologie. Die Radiologie wird nicht mehr als eigenständiges Primariat geführt. „Das Primariat bedeutet ein gewisses Maß an Eigenständigkeit, weniger Fremdbestimmung und die Möglichkeit ‚auf Augen­höhe’ verhandeln zu können”, so ­Theiner wörtlich. Gleichzeitig bedeute es auch einen Anreiz für einen Arzt mit abgeschlossener Ausbildung und klinischer Erfahrung, in die Peripherie zu gehen und eine extrem arbeitsreiche Stelle zu übernehmen. Auch an Aspekte der klinischen Reform erinnerte der ärztliche Leiter. So soll sich etwa die Unterbringung im neuen Bettentrakt weniger an den Fachdisziplinen selbst, sondern an der Pflegeintensität orientieren. Volkswirtschaftliche Wertschöpfung Das Krankenhaus sei auch in seiner Bedeutung als volkswirtschaftliche Wertschöpfung zu sehen. Der Sanitätsbetrieb sei nach der HOPPE der zweitwichtigste Arbeitgeber im Vinschgau: 200 Vollzeit-Bedienstete sowie 111 Teilzeit-Bedienstete zu 75% und 163 zu 50%. Der Betrieb ist somit stark familien- und frauenorientiert. Hilfsdienste wie Reinigung oder Küche sollten nicht nach außen abgegeben werden. Einer Zentralisierung ist laut Theiner grundsätzlich entgegen zu treten: „Was sinnvoll hier an Leistungen angeboten werden kann, soll und muss auch in Zukunft hier angeboten werden.” Weiter südlich im Gebiet Bozen und Meran bestehe auf relativ engem Raum eine breite, teils auch mehr­gleisige Konzentration in einigen Fachdisziplinen. Dass 2005 in Schlanders mit der Gelenksprothetik begonnen wurde, sei ein guter Schritt gewesen. Eine weitere gute Möglichkeit wäre laut Theiner, „chirurgische Fächer, bei denen eine große Leistungsnachfrage besteht, aus diesen vorgenetzten Krankenhäusern zu uns auszulagern. Wir könnten dann mit diesem Angebot über die Bezirks-, ja sogar über die Staatsgrenzen hinaus Anerkennung finden, wenn das politisch gewollt ist.” Negativ auf die Attraktivität des Spitals sowie auf Patienten und junge Arztkollegen habe sich die Zentralisierung der Tumorchirurgie ausgewirkt. Besonders wichtig sei es, dass das Krankenhaus für junge Ärztinnen und Ärzte attraktiv bleibt. Geschehen kann dies nur, „wenn man eine weitere Ausdünnung des medizinischen Angebotes in der Peripherie stoppt.” Es sei bereits heute oft extrem schwierig, „auch diffizile Fälle an die zentralen Krankenhäuser zu überweisen, da bestimmte Einrichtungen ‘überbeansprucht’ sind.” Bestimmte Operationen, für die es zentral große Wartezeiten gibt, könnten laut Theiner ohne weiteres nach Schlanders ausgelagert werden, „wir haben ja einen neuen ­Operationssal.” In diesem Bereich sei Potential vorhanden. Ein noch stärkerer Schwerpunkt könnte auf die Chirurgie des Bewegungsapparates gelegt werden, sprich Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie. Theiner kann sich auch vorstellen, „dass einzelne Abteilungen, die weiter südlich im Lande in den Krankenhäusern auf relativ engem Raum mehrfach bestehen, in unser Krankenhaus umzusiedeln.” Dass der Westen im landesweiten Vergleich eher unter- als überversorgt ist, unterstrich auch Dieter Pinggera, BM von Schlanders und Vizepräsident der Bezirksgemeinschaft. Er überreichte der Landesrätin das Konzept zu den baulichen und auch inhaltlichen Neuerungen, wie sie im Mai 2013 auf einer Bürgerversammlung in Schlanders vorgestellt worden waren. Auch Pinggera verwies auf die volkswirtschaftliche Bedeutung des Krankenhauses. Kritik, Anregungen und Wünsche Eine Sozialassistentin regte an, dass es im Bereich Sozialarbeit ein Konzept brauche, um qualitativ gut arbeiten zu können. Auch die Abbau-Ideen bezüglich der Pädiatrie wurden zur Sprache gebracht. Die Bezirksdirek­torin Irene Pechlaner sagte, „dass nicht das Primariat oder das Nicht-Primariat das Problem sei, sondern der Kinderärztemangel.“ Für sie sei die Frage des Primariats grundsätzlich zweitrangig, „an erster Stelle muss eine bestmögliche Versorgung stehen.“ Seites der Ärzte wurde u.a. angeregt, dass es vor allem motivierte Ärzte braucht, um die Attraktivität des Krankenhauses halten zu können. „Wenn nur mehr 2 oder 3 Ärzte hier arbeiten, kann man die Versorgung nicht mehr gewährleisten“, hieß es. Die Ärzte würden zwar gut verdienen, doch die Arbeitsbedingungen seien zum Teil ungünstig, z.B. wegen der vielen Überstunden. Die Zentralisierung der Tumor­chirurgie sei ein Schlag ins Genick gewesen. Angeregt wurde auch die Bildung eines autonomen Teams für Orthopädie und Unfallchirurgie. Außerdem sollte versucht werden, über ärztliche Dienste an Touristen zu Einnahmen zu kommen. Mehrfach gefordert wurde eine größere Transparenz: „Es ist moralisch vernichtend, wenn Mitarbeiter über Jahre nicht wissen, ob ein Dienst geschlossen oder ausgelagert wird.“ Die Zentralisierungsbestrebungen in Richtung Bozen seien in vieler Hinsicht zu spüren, „ein Riesenproblem gibt es in diesem Punkt für die Mitarbeiter im Labor.“ „Vinschger sollen für Vinschger putzen“ Dienste wie Reinigung, Küche oder Wäsche sollten nicht ausgelagert werden. „Seit wir keine eigene Wäscherei mehr haben, gibt es fast täglich Probleme. Auch in anderen Bereichen hapert es, sogar bei den einfachsten Dingen“, wurde kritisiert. Ziel sollte es daher sein, „dass möglichst Vinschger für Vinschger putzen, kochen und waschen.“ Auch in diesem Punkt spiele der volkswirtschaftliche Gedanke eine Rolle. Ein Zentralisierungsdruck sei auch hier fehl am Platz. Außerdem dürfe nicht nur auf die Kosten geachtet werden: „Zuerst sieht es oft so aus, als würde man sich viel Geld ersparen, doch dann werden ausgelagerte ­Dienste schnell teuer und es tauchen regelmäßig Problemen auf.“ „Stärkung der Peripherie bedeutet Stärkung des ganzen Landes“ Martha Stocker dankte für die Anregungen, Aussagen, Wünsche und kritischen Anmerkungen: „Ich bin eine Lernende.“ Sie sei nicht nur eine Schülerin von Silvius Magnago, sondern auch von Alfons Benedikter, der stets auf die Stärkung der Peripherie geachtet habe, in erster Linie aus volkstumspolitischen Gründen. Dass die Stärkung der Peripherie gleichzeitig die Stärkung des Landes bedeutet, „ist eine der Grundüberlegungen, die auch für den Bereich der Gesundheitsversorgung gelten.“ Am Erhalt der öffentlichen Krankenhäuser und an der Gewährleistung aller essentiellen Dienste werde weiterhin festgehalten, was aber nicht heißt, „dass alles so bleiben muss wie es ist. Wir werden schauen müssen, wo und was auf vernünftige Art verbessert werden, was zusammengelegt oder was neu organisiert werden kann und muss, auch im Sinne notwendiger Einsparungen.“ Stocker sicherte zu, in voller Transparenz vorgehen zu wollen. Die in der Diskussion geäußerten Punkte, die in die Zuständigkeit der Politik fallen und nicht Interna des Sanitätsbetriebes betreffen, werde sie im Auge behalten. Fest steht auch für ­Stocker, „dass wir nicht überall alles anbieten können.“ Zu den mehr oder weniger regelmäßig auftauchenden Pressemeldungen über angebliche Schließungsabsichten von Krankenhäusern meinte sie: „Nehmt solche Meldungen nicht allzu ernst.“ Nicht gerade glücklich zeigte sie sich vom „geerbten“ Vorhaben, landesweit eine einzige Wäscherei für alle Krankenhäuser zu errichten. Sepp
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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