Nadja Schuster (links) und Karl Tragust (rechts)

Menschlichkeit als oberstes Prinzip

Publiziert in 24 / 2012 - Erschienen am 20. Juni 2012
Einwanderer sind im täglichen Leben unter uns. Die Seniorenakademie Vinschgau veranstaltete daher einen ­Vortrag zum „Einwanderungsland Südtirol“. Schlanders - Egon Borghi, Vorsitzender der Seniorenakademie Vinschgau, begrüßte den ehemaligen Abteilungsdirektor für Familie und Sozialwesen, Karl Tragust, und seine Mitarbeiterin Nadja Schuster. „Ich fühle mich heute wie damals auf der Schulbank, vor derart zahlreichen Lehrern und Professoren, von denen ich früher zum Teil selbst unterrichtet wurde“, scherzte Tragust zu Beginn seines Vortrages, angesichts der zahlreichen pensionierten Lehrkräfte in der Runde. „Ausländer unter uns sind ­mittlerweile ein Faktum; die letzten Jahre ging alles sehr schnell“, erklärte Tragust. Doch keineswegs zu schnell für die Senioren, die angeregt und mit Hintergrundwissen mitdiskutierten und ihre Meinung miteinbrachten. Galt Südtirol, sowie Italien generell, früher noch als Auswandererland, zieht es heute Menschen unterschiedlicher Kulturen an. „Die Menschen gehen dorthin, wo Arbeit ist. Viele Flüchtlinge haben keine andere Möglichkeit; ent­weder im eigenen Land zu sterben oder sich auf ein Flüchtlingsboot zu quetschen und auf ein besseres Leben in einem fremden Land zu hoffen“, sagte Tragust. Der ehemalige Abteilungs­direktor für Familie und Sozialwesen nannte zahlreiche Fakten. So leben zur Zeit über 40.000 Ausländer in Südtirol. 13.500 EU-Bürger und 28.200 Nicht-EU-Bürger aus 130 Herkunftsländern mit 150 verschiedenen Sprachen sorgen für kulturelle Vielfalt. 1990 beschränkte sich der Ausländeranteil noch auf 5.000 Menschen. Im Vinschgau leben sechs Prozent an Ausländern; der Ausländeranteil Österreichs beträgt zum Vergleich knappe elf Prozent. Nach wie vor sei Südtirol jedoch auch ein Auswanderungsland. „Die Anzahl der Ausländer in Südtirol entspricht ungefähr jener der Auswanderer“, so Tragust. Freilich bringt kulturelle Vielfalt auch oft Probleme mit sich. Probleme, über die auch die Senioren diskutierten. Doch von einer populistischen „Stammtischdiskussion“, wie sie bei solchen Themenbereichen häufig geführt wird, war die Runde der Senioren weit entfernt. Es wurde erörtert, dass es die Ausländer sind, die das Sozialsystem mittragen. Hier finde im Wesentlichen eine Gleichstellung statt. Die Senioren erwähnten die Schwierigkeiten, mit denen viele Ausländer konfrontiert sind, wie die bürokratischen Hürden zur Anerkennug ihrer Qualifikationen oder die Ungleichbehandlung beim Gehalt, was laut Tragust heute jedoch eher selten vorkommt. Um Probleme im täglichen Zusammenleben ging es in der Diskussion kaum. „Die Menschlichkeit ist oberstes Prinzip“, war ein Anwesender überzeugt.
Michael Andres
Michael Andres

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