Die „Freunde der Eisenbahn“ vor der St. Gallus-Statute in St. Gallen

Mit der Eisenbahn quer durch die Ostschweiz

Publiziert in 12 / 2006 - Erschienen am 14. Juni 2006
Die Universitäts- und Kulturstadt St. Gallen sowie das urige Appenzellerland in der Ostschweiz waren die Ziele der zweitätigen Bahnreise, zu welcher der Verein „Freunde der Eisenbahn“ am 1. und 2. Juni eingeladen hat. „Gäbe es doch eine Bahnverbindung von Mals in die Schweiz," haben sich wohl viele der knapp 40 Reiseteilnehmer gedacht, als sie am 1. Juni mit dem Bus den Reschenpass passierten, um nach Scoul-Tarasp zu gelangen. Von Naturns bis zum Reschen waren Bahnfreunde zugestiegen. In Naturns zum Beispiel der frühere Bürgermeister und Vereinspräsident Walter Weiss sowie der jetzige Naturnser Bürgermeister und Vorstandsmitglied Andreas Heidegger mit Gattin Rosa, in Kastelbell die SVP-Bezirksfrauenreferentin und Vorstandsmitglied Monika Prister sowie der Gemeindearzt Erich Donà mit Frau Kathi (Gemeindereferentin), in Latsch das Vorstandsmitglied Helmuth Gunsch mit Frau Rita, in Prad der Organisator der Reise, Otto Gander, seines Zeichens auch Vereinsvizepräsident, sowie der frühere Prader Bürgermeister Herbert Gapp und in Reschen Kurt Ziernhöld, der Bezirkspräsident der Kaufleute und Dienstleister. Von Scoul nach Landquart Erstmals richtige „Zug-Luft“ verspürten die Reiseteilnehmer in Scoul, als sie den eigens für die „Freunde der Eisenbahn“ reservierten Sonderwagon der Räthischen Bahn bestiegen. Mit dieser ging es bis nach Landquart, wobei auch durch den 19.054 Meter langen Vereina-Tunnel gefahren wurde. Die Vereina-Linie der Rhätischen Bahn mit Autoverladung verbindet die Eisenbahnlinien im Prättigau und im Engadin und gilt als weltweit längster Eisenbahntunnel einer Meterspurbahn. Der Tunnel war am 19. November 1999 nach acht Jahren Bauzeit eröffnet worden. Hauptgrund für den Bau war eine winterfeste Autoverbindung, zumal der Flüelapass (2.383 Meter) im Winter gesperrt ist. Von Landquart nach St. Gallen Von der sprichwörtlichen Schweizer Pünktlichkeit konnten sich die Bahnfreunde auch beim Umsteigen auf die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) in Landquart überzeugen. In St. Gallen war zunächst Eile angesagt: In genau 12 Minuten mussten das Gepäck zum Hotelbus gebracht und der Bahnsteig der Appenzellerbahn erreicht werden. Die 12 Kilometer lange Bahnreise bis nach Appenzell, dem Hauptort des Kantons Appenzell Innerrhoden, war trotz des kühlen und regnerischen Wetters ein besonderes Erlebnis. Gleich nach dem Bahnhof in St. Gallen muss die Bahn eine erste große Steigung bewältigen. Mit Hilfe einer Zahnradschiene erreichen die Züge nach einer 180 Grad-Kurve den Stadtrand von St. Gallen bei der Station Riethüsli. Von hier an geht es ohne Zahnrad weiter Richtung Teufen. Durch Teufen hindurch wird der Zug zur Straßenbahn. Von St. Gallen nach Appenzell Der Kanton Appenzell Innerrhoden im Nordosten der Schweiz ist mit rund 15.000 Einwohnern der kleinste Kanton der Schweiz. Beeindruckend sind unter anderem die urigen Bauernhöfe. Dass diese nach und nach verschwinden, war auch im St. Galler Tagblatt, der größten Ostschweizer Tageszeitung, nachzulesen. Mit dem Regenschirm in den Händen ließen sich die Reiseteilnehmer durch das Dorf Appenzell führen. Die Gastfreundschaft war groß, die Zahl der „Fränkli“, die auch nur für Kleinigkeiten in den Gaststätten hinzulegen war, ebenso. Der Höhepunkt des zweiten Reisetages war der Besuch von St. Gallen und des gleichnamigen Stiftbezirks. Der Stadtführerin Christina Duttweiler gelang es, die Südtiroler in die Geschichte und Geheimnisse dieser besonderen Stadt einzuführen und auch so manchen Südtirol-Bezug herzustellen. So soll etwa die St. Galler Nibelungenhandschrift, die in der weltberühmten Stiftsbibliothek aufbewahrt wird, aus Südtirol stammen. Die Gründung von St. Gallen geht auf das Jahr 612 zurück, als sich der irische Mönch St. Gallus im Steinachtal niederließ. Der Legende nach stieß Gallus im Wald auf einen gutmütigen Bären, der ihm Holz zum Feuermachen übergab. Von dieser Überlieferung her rührt auch der Gallusbär im Stadtwappen von St. Gallen. Der Tag des hl. Gallus wird am 16. Oktober gefeiert. An diesem Tag findet zum Beispiel auch der „Gollimorkt“ in Mals statt. Schon im 9. Jahrhundert erlebte die benediktinische Reichsabtei in St. Gallen, die seit 719 durch den Alemannen St. Otmar erwuchs, ihre religiöse, wissenschaftliche und wirtschaftliche Hochblüte. Die Abtei wurde durch ihre Schule und Bibliothek einer der kulturellen Brennpunkte des Abendlandes diesseits der Alpen. In der Stiftsbibliothek, die unter anderem das älteste deutsche Wörterbuch beherbergt, hat übrigens auch der italienische Autor Umberto Eco, der Verfasser des Romans „Der Name der Rose“, wochenlang recherchiert. Die Stiftsbibliothek und der Stiftsbezirk St. Gallen wurden 1983 zusammen mit dem Kloster St. Johann Müstair in Graubünden und der Altstadt von Bern zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Auch auf den Aufstieg der Leinwandindustrie und den Leinwandhandel in St. Gallen im 14. und 15. Jahrhundert ging die Stadtführerin ein, auf die Reformation, den Naubau der Stiftskirche und viele weitere weltliche und kirchliche Entwicklungen der Stadt. Zusätzlich zu dieser kulturellen „Feinkost“ führten Walter Weiss und Otto Gander die Reiseteilnehmer immer wieder auf die richtigen „Gleise“, sprich auf die Eisenbahn. Wer den „Freunden der Eisenbahn“ und im Besonderen dem Vereinspräsidenten Walter Weiss zuschreibt, ein Quentchen für die Wiederinbetriebnahme der Vinschgerbahn beigetragen zu haben, liegt sicher nicht falsch. Walter Weiss kann sich über die Bahn freuen wie ein Kind. Mit eben dieser Begeisterung informierte er die Mitreisenden auch über den südtirolweit einmaligen Jugend- und Erlebnisbahnhof Naturns, der am alten Bahnhof am Eingang des Schnalstales angelegt wurde. Jugend- und Erlebnisbahnhof Naturns Auf einem über 500 Meter langen stillgelegten Bahngleis kann bei einer nostalgisch-abenteuerlichen Draisinenfahrt das „Zugfahren“ auf eine ganz besondere Art und Weise genossen werden. Parallel zum Geleis der neuen Vinschgerbahn wird durch eigene Muskelkraft das Land erkundet. Eine Garteneisenbahn lädt vor allem die jungen Gäste zu einer vergnüglichen Rundfahrt auf dem Areal ein. Über 800 Meter lang ist das modellartige Gleisnetz, auf dem sich kleine Loks durch eine künstliche Steinlandschaft schlängeln. Als besondere Attraktion steht eine originale Mini-Dampflokomotive bereit. Zwei Postwagone der Rhätischen Bahn leuchten dem Besucher bereits am Eingangportal entgegen. Der Erlebnisbahnhof liegt rund 500 Meter östlich der Bahnstation Staben. Der Jugend- und Erlebnisbahnhof bleibt bis zum 29. Oktober immer sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Für Gruppen kann er auf Anfrage auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten zugänglich gemacht werden. (Voranmeldung bei Susanne Thurner unter Tel.: 0473 664004). Auf über 400 Mitglieder ist der Verein „Freunde der Eisenbahn“ mittlerweile angewachsen, wobei sich auch 13 Bürgermeister unter den Mitgliedern befinden. Dass auch Bahnfreunde aus Bayern, Österreich und der Schweiz zu den Mitgliedern gehören, erfüllt Otto Gander und seine Mitstreiter mit besonderem Stolz. Wer Mitglied werden will, kann sich jederzeit an der Verein wenden (Freunde der Eisenbahn; Staben 34/a; 39025 Naturns/BZ/Italien; Tel. 0473 / 664664; e-mail: info@eisenbahn.it). Nach der gelungenen Bahnreise in die Schweiz hat der Verein bereits eine eintägige Herbstreise eingeplant. Auf dem Programm steht eine Reise zum Achensee mit Bahn- und Schifffahrt am 3. September.
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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