Toponomastik im Kreuzfeuer

Publiziert in 24 / 2012 - Erschienen am 20. Juni 2012
Der Zweck heiligt die Mittel. Und der Zweck für den Vinschger Schützen­bezirk war, die Landsleute für das „Kulturgut Ortsnamen“ zu sensibilisieren. Kortsch – Zuerst war’s der Evangelist Matthäus im Neuen und dann der leidende Hiob im Alten Testament, die mit ihren Baumgleichnissen zum fest verwurzelten Stamm des Südtiroler und dem faschistischen Sockel des Alto Adige-Baumes überleiten sollten. Einer bekannten Fernsehreihe wurde der Begriff „SOKO Tatort Alto Adige“ entnommen und im weltweiten Netz soll intensiv „gebloggt und getwittert“ worden sein. Die Vertreter der neuen Generation im Schützenbezirk Vinschgau gaben sich kämpferisch, modern, unverblümt und gaben vor, die Täter zu kennen, aber auch die Mitläufer und Denkfaulen. Gut 150, meist jugendliche Zuhörer hatten sich im Haus der Dorfgemeinschaft Kortsch nicht nur passiv an der „Aktion Ortsnamen. Spurensicherung im Vinschgau“ beteiligt. Zwar ging die Podiumsdiskussion nicht ohne Kapuzinerwastl und Siegesdenkmal ab, aber die Mission der „SOKO“ bewegte die Gemüter und veränderte die Sichtweisen. Brigitte Foppa, Die Grünen, Alessandro Urzí, Zukunft und Freiheit Italiens, Martha Stocker, Südtiroler Volkspartei, Peter Kaserer, Südtiroler Schützenbund und Bezirksmajor im Vinschgau, Pius Leitner, Die Freiheitlichen, Sven Knoll, Südtiroler Freiheit und als „Vertreter der Zivilgesellschaft“ Simon Constantini, Internetblogger der Brennerbasisdemokratie, bbd, wurden zuerst vom Goldrainer Schützenhauptmann Arno Rainer in „das Kultur-Verbrechen der pseudoitalienischen Ortsnamen“ eingeführt. Sie hörten von „Reviermarken“, die der „Welschtiroler Geist Ettore Tolomei“ gesetzt habe, wie sich die Schützenhistorikerin Margareth Lun aus­drückte. Der Grauner Wirtschaftspsychologe Tobias Hölbling fragte in seinem Impulsreferat provokant „Welches Recht ist gerecht?“ Er habe weder im Pariser Vertrag von 1946, noch im Autonomiestatut von 1972 Verweise auf faschistische Dekrete entdeckt. Damit seien „pseudoitalienische Namen amtlich“ geworden, merkte er an. Laut Hölbling kämen drei Lösungen in Frage: 1. die historische, 2. die am Anteil der ansässigen Sprachgruppen ausgerichtete, 3. der SVP-Vorschlag, ungebrauchte italienische Ortsnamen auf Anraten einer Kommission abzuschaffen, mit der Gefahr, eine flächendeckende italienische Bevölkerung vorzutäuschen. Gekonnt warf Moderator Harald Stauder seine Köder aus: „Brauchen wir italienische Bezeichnungen für jeden Bach?“ fragte er den FLI Landtagsabgeordneten Urzì. Wortreich umschreibend meinte der gelernte Journalist: „Südtirol ist nur deswegen so schön, weil es zweisprachig ist.“ Brigitte Foppa lehnte die Unterstellung, Italiener würden Ortsnamen verwenden, um Macht auszudrücken, entschieden ab. „Ist ein allgemeiner Konsens in der Ortsnamenfrage möglich?“ fragte Stauder die SVP-Obmann-Stellvertreterin Martha Stocker. „Täuschen wir uns nicht“, mahnte diese, „die Toponomastikfrage ist nicht das brennende Thema in der Bevölkerung“. Sven Knoll wurde gefragt, ob man den Konsens aller drei Sprachgruppen brauche oder ob eine vorpreschen soll. „Vorgeprescht wird in der Tat“, meinte Knoll, „aber vom Staat“. „Wie soll die Toponomastik im Freistaat Südtirol aussehen, damit sich alle wohl fühlen?“, wurde Pius Leitner gefragt. „Im Landtag drehen wir uns im Kreis. Wir haben uns an der Prozentlösung der Vereinten Nationen orientiert.“ Internetblogger Simon Constantini propagierte die schweizerische Lösung und würde dem Volk vertrauen. Bezirksmajor Kaserer meinte: „Wir Schützen wollen aufrütteln und nicht untätig zusehen, wie man im Landtag diskutiert. Faschistisches Unrecht soll nicht zu Recht werden.“ In der 2. Podiumsrunde lautete die Frage an Urzí: „Brauchen wir in Martell italienische Bezeichnungen?“ Jeder möge für sich entscheiden, was er brauche, erwiderte der salomonisch. Auf die Frage „Würde eine Volksbefragung klare Verhältnisse schaffen?“ meinte Knoll: „Wir tun so, als würden wir den Italienern was nehmen. Dabei ist ihr Verhalten gelebter Imperialismus“. Pius Leitner machte aufmerksam: „Wir schützen Denkmäler, aber die sprachlichen Denkmäler schützen wir nicht. Warum nicht die Namen rückführen wie in Aosta?“ Martha Stocker dazu: „Dass es in Aosta gelungen ist, lag daran, dass dort der Staat keine Sezession befürchten musste.“ Laut Brigitte Foppa könne man auch ohne Ortsnamenregelung friedlich zusammenleben. Sie habe das Trauma Siegesplatzbenennung noch in sich. Wie erwartet, prasselte aus dem Publikum Sperrfeuer auf ­Alessandro Urzí ein. Brigitte ­Foppa wurde vorgeworfen, dass die Grünen nie den Italienern empfohlen hätten, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Den SVP-Vorschlag bezeichnete man als zu schwammig; außerdem würde die eingesetzte Kommission ohne Sprachwissenschaftler arbeiten. Es werde gar nicht gefordert, die faschistischen Namen abzuschaffen. Je nach Wortmeldung und Antwort wurde ausgebuht oder frenetisch geklatscht. Kuriose bis bizarre Beispiele aus der Ortsnamen-Praxis kamen zur Sprache. Das „italienerfreie Martell“ wurde mehrmals zitiert. In Anspielung an die offiziell geführten „Val ­Gardena“ für Gröden und Gherdeina oder„San Candido“ für Innichen wurde von Tourismusprostitution gesprochen. Günther Schöpf
Günther Schöpf
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