Turniersieger Kurt Mischler mit Speerschleuder und aufgelegtem Speer in der Zielphase.

Urschreie aus dem Bodenwald

Publiziert in 36 / 2012 - Erschienen am 10. Oktober 2012
70 Liebhaber der Urgeschichte jagten nach Punkten für die Europameisterschaft im prähistorischen Bogenschießen und Speerwerfen. Karthaus/Unser Frau - Aus dem Lärchenwald, wo früher „Muli“ zur Tränke drängten und „Alpini“ durcheinander liefen, klangen wilde Freudenschreie. In Urzeitmanier jagten neuzeitliche Lombarden, Helvetier, Belgier und Germanen hinter Wildschwein, Feldhasen und Mufflon her. Der eine ließ seinen Urschrei schon los, wenn er nur die 40-Zentimeter-Scheibe mit dem aufgemalten Schneehuhn traf, der andere brüllte vor Freude, weil er auf der 26 Meter entfernten Bären-Scheibe gerade mal einen Punkt erhascht hatte. Aber es gab nicht nur ihn, sondern auch sie. Es waren auch Bekannte, Freundin, Frau oder Mama, die im Umgang mit prähistorischen Waffen dem so genannten starken Geschlecht in nichts nachstanden. Niemand konnte jedoch Kurt Mischler aus Biel das Wasser reichen. Der Experimentalarchäologe aus dem Kanton Bern war eine Klasse für sich und beherrschte die Konkurrenz im Bodenwald oberhalb der Sportzone von Unser Frau nach Belieben. Er war auch eine Erscheinung für sich. Ötzi hätte in ihm sofort einen Kollegen gesehen. In Wildlederkluft mit aufgenähtem Knochen- und Federschmuck sammelte er an den zehn Scheiben Volltreffer um Volltreffer. Drei Mal musste der Parcour abgegangen werden. Auf jede Tierscheibe durfte am Samstag mit dem Bogen und am Sonntag mit dem 2,5 Meter langen, gefiederten Speer je ein Schuss oder Wurf abgegeben werden. Dabei bedienten sich die sportlichen Urzeit-Liebhaber einer besonderen Technik. Der Speer wurde auf eine Speerschleuder gelegt und gegen eine Kerbe oder gegen einen Widerhaken aus Knochen oder Stein gedrückt; es entstand ein längerer Beschleunigungsweg. Auf jeden Fall nur Volltreffer gelandet hatte der ArcheoParc mit Präsident Alexander Rainer, Direktorin Johanna Niederkofler und Mitarbeiter Ernst Gamper. Unter die Arme gegriffen hatten ihnen kompetente Berater aus Gletterens im schweizerischen Kanton Fribourg. Allein die Rahmenveranstaltung – die Törggelepartie – hatte mächtig beeindruckt. „Hier muss ich wieder her“ meinte Martin Schlatter aus Schaffhausen, der zum ersten Mal im Ötzi-Tal war. Mit Frau Conny, die hinter Landsfrau Ursula Raess auf Platz 2 in der Gesamtwertung kam, und dem Bündner Kuno Bay marschierte er von einer Station zur nächsten, während Tochter Vanessa und Sohn Sedric in einer Gruppe Jugendlicher hinter Luchs und Reh, Rentier und Wolf her waren. Günther Schöpf
Günther Schöpf
Günther Schöpf

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.