Georg Schedereit, Moderator Erich Daniel und Federico Steinhaus (von links)

„Wir laufen Gefahr zu vergessen“

Publiziert in 5 / 2006 - Erschienen am 8. März 2006
Erstmals haben die Vereinten Nationen heuer am 27. Januar den Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust begangen. Der Begriff Holocaust bezeichnet den systematischen Völkermord an etwa sechs Millionen europäischen Juden während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und in den von Deutschen besetzten Gebieten. Am 27. Jänner vor 61 Jahren wurden die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit. Über den Tag des Gedenkens sowie über Themen wie Faschismus, Nationalsozialismus, Neonazi-Szene in Südtirol, Konflikt Israel-Palestina und Antisemitismus wurde am 21. Februar in der Aula Magna der Handelsoberschule in Schlanders diskutiert. Neun Oberstufen-Klassen der Handelsober- und Gewerbeoberschule hatten sich zusammen mit den Lehrern versammelt. Am Podium saßen Federico Steinhaus, der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde in Meran, sowie Georg Schedereit aus Meran, früher RAI-Journalist und seit 2004 Assistent bzw. Pressereferent des Grünen-Europaparlamentariers Sepp Kusstatscher. „Aktueller könnte das Thema nicht sein, denn erst gestern (20. Februar, Anmerkung der Redaktion) ist der britische Autor David Irving in Wien wegen des Leugnens von Naziverbrechen im Wiederholungsfall zu drei Jahren Haft verurteilt worden,“ sagte die Schuldirektorin Heidrun Donà in ihrer Einführung. „Wir laufen Gefahr zu vergessen,“ sagte Moderator Erich Daniel. Auch Federico Steinhaus meinte: „Wir sind dabei, nicht mehr zu wissen, was geschehen ist.“ Er erinnerte daran, dass die islamischen Länder sich gegen die Einführung des Tages des Gedenkens gewehrt haben. In Südtirol habe es lange gedauert, bis die erste Schule nach Josef Mayr-Nusser benannt wurde, der den Eid auf Hitler verweigerte und auf dem Weg ins KZ starb. Am 24. Februar wurde der Seligsprechungsprozess von Mayr-Nusser eröffnet. „Früher war es eine Schande, Nazi-Gegner gewesen zu sein, ihr seid jetzt die Generation, die das Thema anders angehen kann,“ sagte Steinhaus. Das Thema gehöre zur Bekämpfung von Totalitarismus ebenso dazu wie zum Einsatz für ein friedliches Zusammenleben und eine gesunde Demokratie. Georg Schedereit sagte, dass der italienische Faschismus den deutschen Nationalsozialismus maßgeblich inspiriert habe. Hitler und Mussolini hätten einander gut verstanden und die Medien gezielt genutzt bzw. kontrolliert. Im Faschismus gehe es um den „Geist des Sieges“ und um Feindbilder: „Wenn man keinen Feind hat, muss man ihn finden.“ Besorgt gab sich Schedereit darüber, dass in Rom seit einigen Jahren eine „enorme Machtkonzentration auf eine Person“ zu beobachten sei. Geschockt habe ihn auch der Ausgang des „Siegesplatz“-Referendums in Bozen im Jahr 2002. 62 Prozent der Wähler haben damals entschieden, dass der „Friedensplatz“ wieder „Siegesplatz“ heißen soll. Bei der Diskussion wollte ein Oberschüler wissen, wie Judenhass entstanden ist und warum er gerade in Deutschland so groß war. „Das antijüdische Vorurteil in Europa war zur Zeit des Nationalsozialismus schon 1900 Jahre alt,“ sagte Steinhaus. Die Juden waren angeklagt worden, Gott ermordet zu haben. Dies sei in Schulen ebenso gelehrt worden wie in Kirchen und in Familien. Dieses religiöse Vorurteil lasse sich leicht in Hass und Neid umwandeln. In Deutschland hatten viele Juden wirtschaftliche Machtpositionen inne. Auch das Thema Neonazis im Burggrafenamt und in ganz Südtirol brachten die Schüler zur Sprache. Rechtsextreme Züge seien zum Teil auch bei den Schützen zu beobachten. Georg Schedereit meinte, dass man die Schützen nicht pauschal in eine Ecke drängen könne, wenngleich es „Querverbindungen“ gebe. Das Schlüsselwort beim Thema Neonazismus sei die Angst. „Es sind die Angst, die Frustration, der Verlust der eigenen Identität, die Isolation und die desorientierte Gesellschaft, die einen guten Nährboden für Rechtsextremismus bilden und das Führerprinzip aufleben lassen.“ Unsere Generation „ist vielleicht zu wenig Wegweiser.“ Identität ist laut Federico Steinhaus immer dann positiv, wenn andere Identitäten nicht verletzt werden. Es gelte, zwischen einem gesunden und einem kranken Nationalismus zu unterscheiden. „Wenn jemand sein Vaterland liebt, seine Hymne oder Fahne, ist das in Ordnung, wenn jemand aber daraus etwas macht, was andere verletzt oder in Gefahr bringt, ist dieses Gefühl falsch.“ Die Grenzen seien oft nur schwer zu ziehen. Zu unterscheiden ist laut Steinhaus auch zwischen Assimilation und Zusammenleben, wobei mit Zusammenleben nicht Vermischung gemeint sei. Kulturen trennen sei ungut. Besonders besorgt ist Steinhaus darüber, „dass ein Teil der Welt seit rund fünf Jahren in zunehmend radikaler Art und Weise Werte wie Demokratie oder Gleichberechtigung der Menschen und Religionen bekämpft.“ Eine große Gefahr für die westliche Welt sieht er im kulturellen Unterschied zwischen dem Westen und der arabischen bzw. islamischen Welt. „Wir hier lieben das Leben, nicht den Tod,“ sagte Steinhaus. Auch der Analphabetismus, der in arbaischen Ländern weit verbreitet sei, speziell bei den Frauen, gebe Anlass zur Sorge. Mehrere Schüler-Fragen betrafen auf den Konflikt Israel-Palestina, die Rolle des Iran und den Antisemitismus in der islamischen Welt. Zum Iran meinte Steinhaus, dass dieser bestrebt sei, zusammen mit Syrien, den Hamas und Al Qaida (Bin Laden) auf theokratischer, sprich religiöser Ebene zum Leader-Staat für die ganze islamische Welt zu werden. „Man muss aber immer auch zwischen den Völkern und den Regierungen unterscheiden,“ betonte Steinhaus. In Palestina etwa sei bei weitem nicht das ganze Volk radikal gesinnt.
Josef Laner
Josef Laner

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