Im Bild (stehend von links): Kathrin Renner, Luisa Morelli, Sophia Schönthaler, Annabel Herkströter, Anna Plagg, Marilena Parth, Nadine Eberhöfer, Sofie Moretti, Johanna Wellenzohn, Judith Meßner, Diana ­Tschenett, Vanessa Rainalter, Paul Mair, Lisa Maria Veith; (kniend von links): Veronika Steck, Milena Rainalter

Zuhause in der Ferne

Publiziert in 22 / 2012 - Erschienen am 6. Juni 2012
Warum zogen Vinschger in die Ferne und wie erging es ihnen in der neuen Heimat? Warum kommen Migranten in den Vinschgau und wie werden sie hier aufgenommen? Schlanders - Die Zeiten, als viele Südtiroler, vor allem auch Vinschger, gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen, um in der Fremde Arbeit zu finden, sind vorbei. Heute ist es umgekehrt: Migrantinnen und Migranten aus aller Welt kommen zu uns. Mit Fragen zum Thema Migration hat sich die Klasse 3 B des Sprachengymnasiums Schlanders befasst, und zwar eingehend und tief­gehend. Bereits im vergangenen Schuljahr hatten sich die 16 Jugendlichen - 15 Mädels und eine Junge - mit dem Zusammentreffen verschiedener Lebensweisen beschäftigt. Das war auch der Anlass dafür, mit Waltraud Plagg, der Koordinatorin des Sprachenzentrums Schlanders, einen Workshop zu organisieren. „Gängige Vorurteile konnten dabei mit ­Sachinformationen überprüft und großteils zurechtgerückt werden,“ sagte die Projektleiterin Helga Karner, als sie am 31. Mai in der Aula Magna der Fachoberschule für Wirtschaft die Jugendlichen der 3 B, Schülereltern, befragte Einwanderer und Gastreferenten zum Abend „Zuhause in der Ferne“ begrüßen konnte. Im heurigen Schuljahr hat die Klasse das Thema vertieft. Dass Migration im Vinschgau und in ganz Südtirol kein neues Phänomen ist, hatte den Jugend­lichen die Zeithistorikerin ­Martha ­Verdorfer aufgezeigt. Vor diesem Hintergrund führten die Jugend­lichen Gespräche mit Personen aus ihrem Verwandtenkreis, die ausgewandert sind, sowie mit neuen Mitbürgern. Die Ergebnisse der Gespräche wurden als Protokolle festgehalten und in der Ich-Form zu Papier gebracht. „Migration ist auch in unserem engsten Umfeld ein aktuelles Thema,“ heißt es in der Einleitung der Befragungsergebnisse, welche die Jugendlichen vorstellten. Drei der 16 Gespräche mit Verwandten sind in einer Broschüre abgedruckt. „Zu Beginn standen wir dem Thema Migration skeptisch gegenüber, aber im Laufe unseres Projektes hat sich unser Blickwinkel verändert,“ sagte eine Schülerin. Erstaunlich war, dass 15 der 16 Jugendlichen einen Verwandten mit Migrationshintergrund im engeren Familienkreis gefunden haben. Eine statistische Auswertung der Befragungen ergab, dass die meisten Befragten in der Nachkriegszeit ausgewandert sind, großteils in die Schweiz und nach Deutschland, und dass fast alle ihre Heimat verlassen haben, um Arbeit zu finden, zum Teil waren es aber auch die Aben­teuerlust und die Liebe, die sie in die Ferne zogen. Einige leben bis heute in der neuen Heimat. Die meisten der Befragten gaben an, dass es ihnen gelungen ist, sich der neuen Umgebung anzupassen und dass sie Toleranz erfahren haben. 8 Portraits neuer Mitbürger Jeweils zu zweit führten die Jugendlichen die Gespräche mit neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Entstanden sind 8 sehr menschliche Portraits, die ebenfalls in der Broschüre abgedruckt sind. Die Ergebnisse zeigen, dass auch die neuen Mitbürger vorwiegend aus Arbeitsgründen zu uns kommen. Viele von ihnen fühlen sich im Vinschgau wohl, nehmen die einheimische Bevölkerung großteils als offen wahr, pflegen enge Kontakte zu ihren Herkunftsfamilien, halten großteils an ihrer Kultur und ihrer Religion fest und möchten fast alle für immer in ihrer neuen Heimat bleiben. Eine der meist genannten Schwierigkeiten ist die Sprache, speziell der Dialekt. Die Portraitierten sind: Zuzana Jüttnerová (Slowakei), Antonio Paolo Da Silva Melo (Brasilien), Wieslaw Frelik (Polen), Islam Shafiqul (Bangladesch), Dagmar Stecher (Tschechien), Lahsen Mouzouni (Marokko), Anete Kramina (Lettland) und Gergely Borbély (Ungarn). „Dass ein Ort zum Zuhause wird, hat unter anderem mit gelingender Kommunikation zu tun. Eine solche kann auch für die Ansässigen eine Bereicherung sein, wie es dieses Projekt zeigt,“ schreibt Helga Karner in der Broschüre. Waltraud Plagg wertete das Projekt als wertvollen Beitrag zur Integration. Sie kritisierte so manche Politiker, die sich im Zusammenhang mit dem Thema Migration nicht selten im Ton vergreifen und dadurch mithelfen, Vorurteile zu zementieren und Rassenhass zu schüren. Worte des Lobes und der Anerkennung für das in dieser Form wohl einzigartige Schülerprojekt kamen auch von Martha Verdorfer, dem Schuldirektor Herbert Raffeiner, von Johannes Messner (ehmemaliger geistlicher Assistent des KVW und Mitglied der Arbeitsstelle „Südtiroler in der Welt“) sowie von Erich Achmüller (Vorsitzender der Arbeitstelle „Südtiroler in der Welt“). Messner erinnerte an Migrationswellen in Südtirol: Schwabenkinder, Abwanderung vieler Mädchen in italienische Städte, Option, Abwanderungen in der Nachkriegszeit. Menschen mit gleichen Wurzel, die in der Fremde leben, suchen und helfen einander. Was der Mensch laut Messner braucht, ist: „Ein paar Freunde und die findet er auch, wenn er weiß, woher er kommt und wo er hin gehört.“ „Jede Migrationsgeschichte ist individuell,“ sagte Verdorfer. Verschiedenheit sei etwas, was nicht nur sein darf, sondern was uns alle reicher macht. „Sich anpassen ist gut, sich verleugnen nicht“, meinte bei der Disskussion ­Maria Luise Schuurbiers Ratschiller, die 40 Jahre in Holland gelebt hatte und vor 6 Jahren mit ihrer Familie in ihre alte Heimat Gargazon zurückgekehrt ist. Das Wichtigste überhaupt sei das Lernen der Sprache. Unterstützt hat die Projektvorstellung, an der auch Vizebürgermeisterin Monika ­Holzner Wunderer und Sozialreferent Heinrich Fliri teilnahmen, der Bildungsausschuss Schlanders.  Sepp Laner
Josef Laner
Josef Laner

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