Bruder Alkohol

Publiziert in 23/24 / 2020 - Erschienen am 16. Juli 2020

Schmal ist sie zwar nicht, aber an jenem Sonntagabend brauchte er sie in ihrer ganzen Breite, die Fußgängerzone. Auf der Höhe zweier Bäume musste er alles daransetzen, um nicht an ihnen anzustoßen. „Angestoßen“ hatte er an diesem Sonntag oft. Die große Schar von „Freunden“, denen er immer wieder eine Runde ausgab und von denen er immer wieder zu einer solchen eingeladen wurde, hat sich verkrochen. Nun ist er allein. Nur sein Bruder Alkohol ist bei ihm. Er hält ihm eisern die Treue und hat ihn voll im Griff. Sogar aus den wirren Augen starrt das Feuerwasser gläsern heraus. Und dabei hatte dieser Tag so schön begonnen. Was ist schon dabei, einen guten Tropfen zu trinken? Man muss nur Maß halten. Dann wird ja gegessen und am Nachmittag gewandert. Und abends gibt es Pizza für alle. Aus diesen Vorsätzen wurde aber nichts. Das erste Glas verlangte nach dem zweiten, das zweite nach dem dritten. Nach kurzer Zeit zog der Mann aus sich aus. Der Bruder Alkohol mietete sich ein und besetzte jede Ecke. Eingehandelt hat sich der Mann eine leere Geldtasche, einen verlorenen Tag und das Loslassen von Sprüchen, die er ohne Alkohol nie entfesselt hätte. Was ihn jetzt noch erwartet, ist seine traurige Frau. Die Kinder wird er heute nicht mehr zu Gesicht bekommen. Er nimmt sich einfach alles, der nasse Bruder. Ihm aus dem Weg zu gehen oder ihn gar nicht erst kennenzulernen, ist in unseren Breitengraden alles andere als leicht.  

Josef Laner
Josef Laner

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