Die Badewanne

Publiziert in 12 / 2022 - Erschienen am 5. Juli 2022

Kein Wecker, kein Telefon, kein Radio, kein Facebook, keine Zeitung, kein Presslufthammer, kein Auto, kein Glockengeläut, kein Müllwagen, kein Geschrei: heute beginnt der Tag genau so, wie er immer anfangen sollte. Über Nacht hat es etwas geregnet. Nicht viel, aber immerhin. Ein bisschen abgekühlt hat es und das tut gut. Noch streicht sie zart über die taufrischen Wiesen an den Hängen, aber bald wird sie uns wieder mit voller Kraft umarmen: die Sonne. Über 5.000 Grad heiß soll es auf ihrer Oberfläche sein. Wir kommen schon bei über 30 Grad an die Grenzen und alles „weint“: die Gletscher, die Wiesen, die Bauern, die Strommacher und auch die Gemeinden, die schauen müssen, dass die Bevölkerung genug und gutes Wasser bekommt. Aber viel Wasser dürfte in Zukunft nicht mehr gen Meer fließen, bis sich die Lage auch bei uns in den Bergen zuspitzt. Wenn weiter südlich schon daran gedacht wird, Meerwasser zu entsalzen, um Trink- und Betriebswasser zu gewinnen, müssen die Alarmglocken auch bei uns läuten. Wasser ist ein Gut, das allen gehört, heißt es oft. Dass es aber auch hierbei Grenzen gibt, zeigte sich kürzlich, als die Region Piemont vergeblich um Wasser aus dem Aostatal bat. Während andernorts das kostbare Gut kilometerweit zu Fuß durch Wüsten und ausgetrocknetes Land getragen wird, um Menschen und Tiere vor dem Verdursten zu retten, warte ich schon seit über 10 Minuten darauf, dass sie endlich voll wird, die Badewanne.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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