Die Sense

Publiziert in 29 / 2020 - Erschienen am 1. September 2020

Fast immer, wenn ich an Laas vorbeifahre, schiele ich zur Schrägbahn. Und wenn ein Ortsfremder mit im Auto sitzt, beginne ich zu schwärmen: da oben gibt es den schönsten Marmor der Welt und er wird noch immer mit dieser Bahn zur Tal gebracht. Ich weiß, dass die Bahn nicht mehr fährt, kann dieser „Lüge“ aber nicht widerstehen. Dass sie einmal wieder so fahren wird, wie sie es 90 Jahre getan hat, glaube ich nicht. Der Vergleich mag zwar hinken, aber mir kommt die Schrägbahn ein bisschen so vor wie die Sense, die der Bauer gegen die Mähmaschine tauschte. Wie bei der Versammlung in Laas zu hören war, braucht der Bruchbetreiber jetzt offensichtlich eine „Mähmaschine“: neue Abbaustellen, Forststraße, Lkw. Mit der „Sense“ sei der „Hof“ nicht mehr länger zu halten. Die Bruchbetreiber sind natürlich Geschäftsleute, die nicht aus Nächstenliebe investieren. Und wenn sie sehen, wie die Nachbarn den Stein günstiger über die Straße zu Tal bringen, steigt der Druck umso mehr. Auf der Strecke bleiben dürfte die Schrägbahn. Würde sie ausgebaut, um auch große Blöcke transportieren zu können, würde von ihr nicht mehr viel übrigbleiben. Ungefähr dasselbe Schicksal wäre ihr beschieden, wenn man auf ihrer Trasse eine Standseilbahn als touristische Attraktion bauen würde. Die Schrägbahn wäre nicht mehr das, was sie ist. Da wäre es besser, die „Sense“ zumindest aufzubewahren, damit man in Zukunft zeigen kann, wie es war, als es noch keine Mähmaschine gab.

Josef Laner
Josef Laner

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