Dünner Boden

Publiziert in 9-10 / 2021 - Erschienen am 18. März 2021

„Zwei Semmeln und ein Paarl, gel?“ Die junge, maskierte Verkäuferin weiß, was der alte, maskierte Mann will. Und sie kennt auch seine Antwort: „Ja, bitte!“ Und wie geht es ihm heute? „Es geht schon. Es muss gehen. Hoffentlich wird bald wieder alles besser.“ Die Verkäuferin nickt und lächelt mit den Augen. Dass dieses Gespräch für den Mann der Höhepunkt eines weiteren Corona-Tages sein würde, weiß sie nicht. Immerhin hat der Mann noch Geld genug für das tägliche Brot. Nicht alle haben Arbeit oder finanzielle Reserven. Und bevor jemand die Scham überwindet, um Hilfe zu bitten, hat er in der Regel viele schlaflose Nächte hinter sich. In der Dunkelheit wiegen Ängste, Sorgen und Probleme doppelt schwer. Die Pandemie hat es geschafft, auch die Tage zu verdunkeln. Die Unsicherheiten, das ständige Hin und Her zwischen Einschränkungen und Lockerungen, die kaum noch überschaubaren Informationen über Infektionszahlen, wirtschaftliche Einbrüche, Tests und Impfstoffe, vor allem aber das Gefühl, dass auch nach einem Jahr noch immer nicht wirklich Land in Sicht ist, bringt viele Menschen an die Grenzen. Die einen schlucken alles in sich hinein, die anderen reagieren mit Wut, Hass und Aggression. Er ist ganz schön dünn geworden, der Boden des Bootes, in dem wir alle sitzen. Vor allem jetzt ist es wichtig, aufeinander zu schauen und möglichst in die gleiche Richtung zu rudern, denn auch dieser, schier endlose Sturm wird ein Ende finden.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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