Eine Rose

Publiziert in 6 / 2020 - Erschienen am 18. Februar 2020

Lange und gut schlafen. Wer das kann, bekommt über Nacht alles, was er für den Tag braucht. Gut gelaunt stürmt der Mann aus dem Haus. Ein Kaffee, ein schneller Kuss und ab. Die Frau bleibt mit dem Geschmack des Kaffeekusses zurück. Sie kann nicht abhauen. Sie muss wieder ran an die schmierige Herdplatte, das schon wieder verunreinigte Klo, die Brosamen auf dem Boden, die dreckige Wäsche und an den Staub, von dem sie seit Jahrzehnten nicht weiß, von wo er herkommt. Gott sei Dank wurde irgendwann der Staubsauger erfunden, die Waschmaschine und der Geschirrspüler. Diese Geräte erleichtern die Arbeit im Haus aber nur zum Teil. Obwohl sich die Situation der Frau mittlerweile verbessert hat - viele gehen einer Arbeit nach und sind ökonomisch unabhängig - und die Unterdrückung insgesamt aufgeweicht wurde, gibt es noch immer Männer, die das, was Frauen zu Hause leisten, nicht für richtige Arbeit halten. Besonders schwer wiegt für nicht wenige Frauen die Last, Tag für Tag immer dieselben Dinge tun zu müssen. Dazu gehört mitunter auch das Warten. Warten, bis die Kinder nach Hause kommen oder der Mann. Viele Männer setzen sich an den Tisch und sind mit sich und der Welt zufrieden. Sie haben ja gearbeitet, während die Frau „nur“ zu Hause war. Sie können sich nicht erklären, warum sich ihre Frauen beklagen. Haben sie etwa nicht alles, was sie brauchen? Sogar eine Rose haben sie am Valentinstag bekommen.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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