Etwas verlernt?

Publiziert in 22-23 / 2021 - Erschienen am 8. Juli 2021

Ziemlich Speck um die Hüften oder spindeldürr. Käseweiß oder gebräunt bis zur Glatze. Bauchfrei und kess oder alt und nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. Zielstrebig oder locker einherschlendernd. Schwatzend oder stumm wie ein Fisch. Einige tragen Krawatten und Aktenkoffer, andere billige Nylontaschen mit billigen Lebensmitteln. Den einen hat schon wieder der Alkohol gepackt, die andere joggt gesund dorfauswärts. „Nicht hinschauen“, sagt die Mutter zum Kind, das auf einen zerlumpten Mann starrt: Es ist wieder ganz schön bunt geworden, das Leben auf der Straße. Nur einige wenige tragen noch Masken. Den meisten sieht man das Virus nur mehr undeutlich an, obwohl es noch da ist. Physisch und im Kopf. Nie etwas ausgemacht hat Corona den Hunden. Wären sie Menschen, hätten sie sich darüber gewundert, wieviel Aufmerksamkeit ihnen plötzlich widerfährt. Dabei waren sie auch vorher nicht anders. Sie wurden nur weniger gebraucht. „Herrchen“ oder „Frauchen“ sind aus der Sicht der Hunde wohl nicht die richtigen Begriffe. „Begleiter“ trifft es vielleicht besser. Hunde sind einfach da, immer und in jeder Situation. Es ist ihnen egal, wie „Herrchen“ oder „Frauchen“ aussehen, was sie machen oder wie sie sind. Sie fühlen in allem irgendwie mit. Und sie schämen sich nicht. Selbst der größte und stärkste Hund hat kein Problem damit, um Aufmerksamkeit und Liebe zu winseln. Haben wir Menschen da etwas verlernt?

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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