Früher

Publiziert in 36 / 2020 - Erschienen am 20. Oktober 2020

Früher hat es ihm nichts ausgemacht, im Stau zu stehen, den ganzen Tag den Bagger zu hören, immer dieselben Nachrichten zu schauen, für ein paar Tage in den Urlaub zu hetzen, nach Hause zurückzueilen und wieder zu arbeiten, zu arbeiten, zu arbeiten. Damals war vieles anders. Damals, als noch keiner wusste, was Covid-19 ist. Dabei ist es gar nicht so lange her. Und doch kommt es ihm wie eine Ewigkeit vor. Das Virus hat auch seine Sinne verändert. Am stärksten den Hörsinn. Vor der Virus-Zeit war er es nicht gewöhnt, bestimmte Dinge zu hören oder wahrzunehmen. Dass diese Dinge jetzt wieder nach und nach aus den Ohren und Augen verschwinden, schmerzt ihn nicht wenig. Es kommt ihm so vor, als würde er Tag für Tag etwas verlieren, ärmer werden, steriler, tauber, blinder: Wo ist plötzlich die Ruhe geblieben, die Stille, die volle Leere? Es ist irgendwie paradox: Je lärmender, lauter, voller und hektischer das Leben um ihn wurde, desto leerer wurde es in ihm selbst. Er hat sich schon lange wieder daran gewöhnt, die Menschen so zu grüßen, wie er es vor Corona getan hat, mit geschlossenen Ohren und Augen durch die Welt zu rennen und im großen Rad mit Zigtausenden in die gleiche Richtung zu laufen. Nur manchmal schießt ihm die Zeit der Stille und Ruhe noch in den Kopf. Es sind nur noch Blitzlichter. Ab und zu fragt er sich, ob es diese Zeit tatsächlich gegeben hat und vergisst sogar, dass diese Geschichte noch lange nicht vorbei ist.

Josef Laner
Josef Laner

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