Geschichte machen

Publiziert in 36 / 2019 - Erschienen am 22. Oktober 2019

Oft geschieht es nicht. Und immer öfter auch nicht. Manchmal aber passiert es doch. Dir wird plötzlich klar, dass du lebst. Es dauert nur Sekunden. Es kann dich beim Aufwachen erwischen, wenn du von irgendwo herkommst. Von weit her. Es war nur ein Traum. Jetzt bist du wach. Oder ist das auch nur ein Traum? Nein, nein, ist es nicht. Das Fenster befindet sich zu deiner Rechten, die Tür ist links vom Bett. So jedenfalls war es gestern. Wo aber ist heute das Fenster? Du musst dich wohl im Schlaf auf die andere Seite gedreht haben. Jetzt ist es wieder am richtigen Ort. Und dein Kopf auch. Nun aber ab ins Bad, hinaus aus den vier Wänden und hinein in das Leben, die Arbeit, den Alltag: Geschichte machen. Damit die Menschen, die nach uns kommen, etwas zu schreiben haben. Über das, was wir getan haben, wie wir gelebt haben, wie wir hießen und wie wir waren. Wir sind es, die jetzt Geschichte machen. Oder die träumen, von etwas Schönem oder etwas Fürchterlichem. Es ist irgendwie komisch, aber im Traum erleben wir oft unschöne Dinge. Vielleicht ist das ein bisschen auch deshalb so, weil wir während des Tages und vor dem Einschlafen nur „schöne“ Dinge hören, sehen oder lesen. Wir erfahren zum Beispiel, wie viele gesunde Kinder geboren wurden, wie sehr die Nachbarn einander halfen, wie viel CO2 vermieden wurde, wie geduldig Angehörige am Krankenbett ausharrten oder um wie viele Zentimeter die Liebe zweier Menschen gewachsen ist.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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