Heute schon gelästert?

Publiziert in 33 / 2019 - Erschienen am 1. Oktober 2019

Die Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt, die Regenwälder brennen, die Fische fressen Mikroplastik, die Menschen essen Fische. Zum Frohlocken ist das Ganze nicht. Und trotzdem ist der Himmel noch blau. Und die Sonne wärmt die Herzen der Menschenkinder. Aber wie lange noch? Ganz umsonst gehen schulstreikende Freitags-Jugendliche nicht auf die Straßen. Weltweit. Viele Politiker üben sich indessen in Nachhaltigkeitsreden, beschwören neue Technologien und hoffen auf die künstliche Intelligenz. Die Gefahr, dass die natürliche Intelligenz - nennen wir sie Hausverstand - irgendwie zweitrangig wird, ist gegeben. Wir werden schon jetzt von allen Seiten verdigitalisiert, vernetzt, verstrickt, verwirrt, vereinnahmt. Weil man uns so sehr liebt. Weil man uns mittlerweile - dank neuer Technologien - genau kennt. Bis hinein in die eigenen vier Wände. Die neuen Technologien bieten uns sogar Möglichkeiten, unsere Privatsphäre zu schützen. Was will man mehr? Also ist es Zeit, mit dem Lästern aufzuhören und sich auf Schiene bringen zu lassen. Sonst bleiben wir womöglich noch irgendwo stehen und der Zug fährt ohne uns ab. Lästern können wir trotzdem. Über den Haarschnitt dieser Dame zum Beispiel oder die Hosen jenes Herrn. Oder wie fürchterlich diese Frau heute gekleidet ist oder wie schlecht sich dieser Bursche wieder benimmt. Und wenn alle Stricke reißen, bleibt uns immer noch das Wetter. Das ist fast nie so, wie wir es gerne hätten.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.