„Homo schafiens“

Publiziert in 42 / 2020 - Erschienen am 3. Dezember 2020

Wenn viele Menschen dauerhaft zusammen sind, gibt es immer einen, der sie führt. Es kann das ein Medizinmann sein, ein Häuptling, ein König, eine Priesterin, ein Schamane, ein Feldherr, ein Papst, ein Krieger oder eine Ahnfrau. Was sie alle gemeinsam haben, ist Autorität. Ihnen wird in der Regel vertraut. Die Menge glaubt, dass sie das Zeug dazu haben, richtig zu entscheiden. Mit Königen oder Kaisern sind moderne politische Leader zwar nicht vergleichbar, aber auch sie brauchen die Massen. Und diese wiederum brauchen die Leader. Zu Führungspersonen wird man nicht mehr, weil man als Sohn eines Königs geboren wird, sondern weil man sich diese Position erarbeitet, zumeist mit Erfahrung, Charisma und Kompetenz. Die Gefahr, dass Leader auf Abwege geraten und ihnen die Massen trotzdem folgen, ist nie auszuschließen. Die Massen sind ein bisschen wie Schafherden, die dem Hirten blindlings folgen. Auch in den Abgrund. Besonders gefährlich sind „Hirten“, die nur mehr darauf aus sind, die Massen hinter sich zu bringen. Um die Menge nicht zur verlieren, werden sie zu Populisten. Werte und Grundsätze fallen über Bord. Besonders anfällig für „Hirten“ dieser Art sind die Menschen, wenn sie unsicher sind. In Krisenzeiten wird der Ruf nach dem starken Mann seit jeher besonders laut. Beispiele dafür gibt es genug. Viel gelernt haben wir aus der Geschichte aber nicht. Wir nennen uns zwar „Homo sapiens“, sind aber immer noch „Homo schafiens“.

Josef Laner
Josef Laner

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