„Moderne“ Sklaven

Publiziert in 33 / 2018 - Erschienen am 2. Oktober 2018

Am ersten Ferientag schmeckte ihm das erste Glas Wein viel besser als jetzt das letzte vor dem ersten Arbeitstag. Weil der Wein aber immer derselbe ist, muss der Grund dafür anderswo liegen: „Nicht zehn Ochsen wären imstande, mich zum gewohnten Arbeitsplatz zu ziehen, wenn ich nicht unbedingt dorthin müsste. Aber ich habe keine Wahl. Ich muss zurück ins Hamsterrad.“ Es gibt sicher nicht wenige, die ihren Urlaub mit solchen Gefühlen beenden. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Zu viel Hast und Stress, das monotone Tag-für-Tag-das-Gleiche oder mitunter auch ein Arbeitsumfeld, wo gemobbt wird, wo man hinter dem Rücken tuschelt oder wo es die Ellenbogentaktik ist, mit der sich manche nach oben winden. Wer mit den eingangs geschilderten Gefühlen zur Arbeit zurückkehrt, kann zwar nicht als „Sklave“ bezeichnet werden, denn er ist frei und nicht persönliches Eigentum, aber bestimmte Ähnlichkeiten drängen sich dennoch auf: Gefangenheit, Ausgeliefert-Sein. Selbst Chefs oder Manager fühlen sich heutzutage oft als Getriebene, als Sklaven eines Systems, in dem sie selbst gefangen sind. Sklavenähnliche Zustände sind in unseren Zeiten leider nicht nur in Bereichen festzustellen, wo kriminelle Organisationen „regieren“, sondern auch in der „normalen“ Wirtschaft. Man denke etwa an die vielen ausländischen Landarbeiter in Süditalien. Und sie sind nur ein Teil vieler „moderner“ Sklaven. 

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Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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