Nur Worte

Publiziert in 21 / 2020 - Erschienen am 18. Juni 2020

Seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie komme ich immer öfter in Versuchung, über den eigenen Tellerrand hinauszudenken und die Welt als Ganzes zu sehen. Als gemeinsames Haus aller Menschen, und nicht nur dieser. Das Coronavirus hat uns zum einen vereint, weil es ja überall zuschlägt, und zum anderen getrennt. Alle sprachen plötzlich von Grenzen. Staaten und Kontinente versuchten, sich mit Grenzsperrungen zu schützen. Das ist durchaus nachvollziehbar. Es wurden aber auch ganz andere Grenzen sichtbar. Wenn es um medizinische Geräte ging, um Schutzausrüstungen und andere Hilfsmittel, zogen und ziehen ärmere Länder einmal mehr den Kürzeren. Sie bleiben irgendwie ausgegrenzt. Seitens der starken Länder gibt es zwar Mitgefühl, aber sonst nicht allzu viel. „Warum auch“, werden sich manche denken. „Sollen sie doch selbst schauen, wie sie die Krise bewältigen. Auch uns hilft niemand.“ Zum Glück fast keine Grenzen gab es bei der weltweiten Ausbreitung der Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd, der am 25. Mai bei einer Verhaftung in Minneapolis von der Polizei getötet wurde. Rassismus ist ein Phänomen, das auch bei uns nicht unbekannt ist. Es ist schier unglaublich, aber der Mensch ist offensichtlich lernresistent. In der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789) heißt es: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. 231 Jahre danach sind das leider immer noch oft nur Worte.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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