Plötzlich und unerwartet

Publiziert in 37 / 2020 - Erschienen am 27. Oktober 2020

So viele Leute wie zu Allerheiligen sieht man in den Dörfern sonst das ganze Jahr über nicht. Aus nah und fern kehren viele Menschen dorthin zurück, wo sie aufgewachsen sind und wo jetzt ihre Lieben ruhen, in stiller Erde. Nach den Gedenkfeiern und Gebeten ist es üblich, dass man ein paar Worte miteinander wechselt, einander die Hand gibt und danach fragt, wie es einem geht, was aus den Kindern geworden ist oder ob der oder die noch lebt. Zu Allerheiligen tickt die Uhr langsamer. Man versucht, sich an die Gesichter der Verstorbenen zu erinnern und an das, was sie gesagt und getan haben. Auch der Gedanke an den eigenen Tod huscht vielen durch den Kopf. Aber besser nicht daran denken. Wir sind ja noch da, also lassen wir diesen Gevatter aus dem Spiel. Irgendwann wird er kommen. Wann und wie weiß niemand. Auffällig oft kam der Bruder Tod nach dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie „plötzlich und unerwartet.“ Was sich hinter diesen Wörtern verbergen kann, wissen viele. Oder sie vermuten es. Unerwartet wie ein Blitz traf auch das Coronavirus die ganze Welt. Während uns der Schock der ersten Welle noch in den Knochen steckt, hat uns schon die zweite voll erfasst. Die anderen und sich selbst schützen ist das Einzige, was wir derzeit tun können. Wie das geht, wissen wir und sollten es besonders zu Allerheiligen nicht vergessen. Eine Kerze am Grab kann man auch an einem anderen Tag anzünden und ein guter Gedanke ist immer und überall möglich.

Josef Laner
Josef Laner

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