Radeln ohne Bremsen

Publiziert in 33-34 / 2021 - Erschienen am 12. Oktober 2021

Tu dieses, unterlasse jenes. Schon als Kind wird man auf Schiene gebracht. Bei manchen funktioniert es gut, andere sind stur wie die Esel. Wer nicht hören will, muss fühlen, heißt es dann. Unter Fühlen verstand man früher -
und zum Teil auch heute noch - eine Ohrfeige, einen Klaps auf den Hintern. Schließlich muss man ja etwas fühlen, um dann vielleicht zu hören. Hören heißt es auch in Kindergarten und Schule. Bis dahin sind viele bereits dermaßen gehorsam, dass sie nicht mehr fühlen müssen. Sie funktionieren. So ein braves Mädchen, so ein braver Bub. Ab und an kommt es in einem gewissen Alter - im „dummen“ Alter - aber doch zu Ausbrüchen und Ausbüxen, gegen die nichts mehr hilft. Auch kein Fühlen. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass sie oder er irgendwann doch „gescheiter“ wird und von alleine zurückkommt. In die gewohnten Bahnen, auf die richtige Schiene. Alle, die tatsächlich umkehren und heimkommen, tragen Narben und Dellen. Am Körper und in der Seele. Sie haben Lehrgeld bezahlt. Am „billigsten“ davongekommen sind jene, die schon als Kind erfahren durften, was Freiheit ist. Die schon damals wussten, wie es ist, wenn man irgendwo hinunterfällt, wie man bremst, auch wenn das Fahrrad keine Bremsen hat, oder wie man aufsteht, wenn man zu Boden gerungen wurde. Wer keine Möglichkeit hat, solche Dinge zu erfahren, wird ein Leben lang am Schnuller hängenbleiben. Manche sogar so lange, bis sie zum zweiten Mal Windeln brauchen.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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