Rückflug

Publiziert in 21 / 2021 - Erschienen am 24. Juni 2021

So langsam scheint sich die Pandemie aus dem Staub zu machen. Nicht von selbst, sondern weil es uns gelingt, sie einigermaßen zu zähmen. Mit Impfungen und Vorsicht. In anderen Ländern ist Covid-19 noch voll im Umlauf. Endgültig vor dem Virus gefeit sich wir noch lange nicht. Wir haben es aber geschafft, die „Mücke“ in einem Glas zu fangen. Den Deckel öffnen dürfen wir nicht. Je fester er verschlossen bleibt, umso mehr kehrt das zurück, wonach mehr oder weniger alle gewartet haben: die Normalität. Die Frage ist nur, was darunter zu verstehen ist. Für viele ist es die Rückkehr zu dem, was vorher war: was vorher normal war, muss auch jetzt wieder normal werden. Vergessen wird manchmal, dass die Pandemie die Normalität nicht nur ausgesetzt, sondern auch verändert hat. Nicht wenige werden mit Narben und zum Teil noch offenen Wunden in die Normalität zurückkatapultiert. Zurück in eine harte Normalität, mit der sie schon seinerzeit nur schwer zurechtkamen. Die Gefahr, im Sog des Rückflugs aus der Hamsterbahn zu fliegen, ist nicht zu unterschätzen. Manche haben es jetzt noch mehr satt, immer nur mitzurennen und mitzuraufen. Alles strebt wieder nach Wachstum und Wohlstand. Mit Wohlstand meint man zwar nicht nur das materielle Wohlergehen, sondern auch das immaterielle, aber das Wohl der Seele hat oft das Nachsehen. Das war schon früher so, als wir noch „normal“ waren, und das ist jetzt zum Teil noch schwieriger geworden.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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