Schläfst du noch ...

Publiziert in 16-17 / 2021 - Erschienen am 13. Mai 2021

… oder träumst du in halbwachem Zustand weiter? Wie spät ist es? Welchen Tag haben wir heute? Und welches Jahr? Es gibt Momente im Leben, in denen sie gar nicht da ist, die Zeit. Und doch messen wir auch diese Momente in Sekunden. Sonst bekommen wir sie nicht zu fassen. Wir sind Gefangene der Zeit. Auch der Raum grenzt uns ein. Wir müssen unser Dasein an Stunden, Tagen und Jahren festnageln, an Orten, Häusern und Straßen, an Menschen und Gefühlen. Sonst vergessen wir uns. Wir tun zudem einiges, damit wir auch nach unserer Befreiung von Zeit und Raum noch irgendwie da sind. Ohne Pyramiden oder andere Großdenkmäler würden viele der derzeit noch „Gefangenen“ die Namen jener, für die sie erbaut wurden, gar nicht mehr kennen. Ganz übers Haxl hauen lässt sich die Zeit aber nicht. Sie holt früher oder später alle und alles ein. Da hilft alles Festklammern nichts. Umso kostbarer sind die eingangs genannten, seltenen Momente. Es können auch nur Augenblicke sein. Lichtblitze, in denen „unsterbliche“ Melodien, Bilder oder Sätze entstehen. Solche Momente lassen sich nicht erzwingen. Man kann sie nicht herbeireden oder herbeibeten. Sie sind wie ein Geschenk, wie ein Lichtspalt aus dem Keller aus Raum und Zeit. Und sie beginnen immer mit einem Staunen. Einem Staunen, wie man es oft bei Kindern sieht und immer seltener bei Erwachsenen, denn diese haben keine Zeit, die Zeit für einen Moment zu vergessen.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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