Selfie-Manie

Publiziert in 31-32 / 2021 - Erschienen am 29. September 2021

Egal, ob es sie gibt oder nicht. Interessant aber wäre es schon, wenn Außerirdische sagen könnten, wie sie uns sehen und was sie von uns halten. Wir bekämen einen Spiegel vorgehalten und würden beginnen zu zweifeln: sind wir das wirklich? Der Spiegel zeigt, was man ihm zeigt. Keiner kann ihn überlisten. Erfunden hat der Mensch den Spiegel schon vor langer Zeit. Der Antwort auf die Frage, wer er ist, ist er dennoch keinen Deut nähergekommen. Auch wenn er sich Tag und Nacht ansieht, sein eigenes Bild in Schaufenstern sucht oder im Wasser, das in der Sonne liegt. Wenngleich der Mensch nicht weiß, wer er ist, arbeitet er unentwegt daran, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Er sieht sich nicht als Teil von etwas, sondern als der Nabel von allem. Es ist ihm sogar gelungen, ein neues, eigenes Zeitalter einzuläuten. „Anthropozän“ nennt man diese Epoche. Dass der Mensch dahintersteckt, verrät schon der Name: auf Altgriechisch heißt ἄνθρωπος Mensch. So getauft wurde das neue Zeitalter, weil der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Ist auch die Selfie-Manie eine Art Nabelschau? Ich denke schon, denn viele Leute, die nach Paris oder London reisen, haben es nicht so sehr auf den Eiffelturm oder den Big Bang abgesehen, sondern auf ein Selfie, ein Selbstportrait: zuerst ich, dann diese Dinge im Hintergrund.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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