Vor 70 Jahren stand Südtirol am Abgrund
Publiziert in 11 / 2010 - Erschienen am 24. März 2010
Als das Magazin „Brigitte“ irgendwann im Juli 2009 ein lebensfrohe Frau mit Spielzeuggitarre im Blumenfeld auf die erste Seite stellte und titelte: „Bleiben oder gehen“, wurden in vielen Südtirolern unangenehme bis schreckliche Erinnerungen wach. In der Wortfolge „Gehen oder bleiben“ stand der Ausdruck für einen Prozess, der beinahe zum Verschwinden des historischen Südtirols geführt hätte. Dass es nicht dazu kam, ist neben der Invasion der Alliierten in Sizilien am 10. Juli 1943 vor allem jenen Italienern zu verdanken, die zwei Wochen später Diktator Benito Mussolini entmachtet hatten. Dies wiederum hatte zum Einmarsch der Deutschen Wehrmacht geführt und die Südtiroler vom Regen in die Traufe gebracht. Der begeisterte Empfang der „deutschen Befreier“ hatte für den Ruf der Südtiroler gesorgt, begeisterte Nazis zu sein. Tatsache ist, die Abwanderung der Optanten wurde gestoppt.
Dass es die Widerständler waren, die „walschen Dableiber“, die heute noch verachteten Deserteure und die KZ-Opfer, die das „braune Bild“ wieder zurecht gerückt hatten, wurde in Südtirol nie klar und deutlich erwähnt. Dieses Kapitel bedarf noch der Aufarbeitung. Vergessen hat man in Südtirol auch das Entgegenkommen vieler italienischer Politiker. Ihnen war es zu verdanken, dass die meisten der zurückkehrenden und die etwa 150.000 verbliebenen Optanten sofort die italienische Staatsbürgerschaft erhielten. Nach heutigen Erkenntnissen wurden alle Zahlen im Zusammenhang mit der Option von den gegnerischen Gruppierungen – nationalsozialistische Untergrundbewegungen auf der einen und kirchliche beziehungsweise bürgerliche Kreise auf der anderen Seite – nach Belieben auf- oder abgerundet. Tatsache ist, dass von den 230.000 Südtirolern rund 75.000 Optanten, darunter vor allem die Besitzlosen und die zur deutschen Wehrmacht eingezogenen Männer, tatsächlich abwanderten. Davon kehrte etwa ein Drittel nach 1945 wieder zurück. Die ersten Zahlen über das Optionsergebnis wurden von einer italienischen Nachrichtenagentur vor 70 Jahren am 3. Jänner 1940 veröffentlicht.
Günther Schöpf
Günther Schöpf