Zwei Gläser Gurken

Publiziert in 35 / 2019 - Erschienen am 15. Oktober 2019

Mein Gott, ist diese Straße eng und steil. Hoffentlich kommt mir da keiner entgegen. Wo sind die Häuser? Wann hören diese Kurven auf? Verzweifelt arbeitet sich der arme Lenker eines Kleinlieferwagens bergan. Hinauf in eine Bergfraktion, von der er noch nie etwas gehört hat. Aber das ist nun einmal seine Arbeit. Irgendwann wird er schon zur richtigen Adresse kommen. Er sucht das Haus jener Person, die vor zwei Tagen zwei Gläser Gurken bestellt hatte. Online. Sie waren etwas billiger als jene im Dorfladen. Und schlecht ausgeschaut haben sie auf der Angebotsseite im Internet auch nicht. Wie schön wir es doch heute haben! Man sitzt auf dem Sofa, springt mit dem Smartphone von Regal zu Regal, wählt aus und bekommt alles ins Haus geliefert. Und das Risiko, über den Tisch gezogen zu werden, ist relativ gering. Das wird täglich von Freunden und Bekannten bestätigt. Viele sind Online-Profis. Probleme gebe es kaum. Mittlerweile hat der Gurken-Transporteur sein Ziel erreicht. Hier sind sie, die zwei Gläser Gurken. Danke und „arrivederci“. Irgendetwas aber stimmt dieses Mal doch nicht. Die Gurken schauen ziemlich blass aus. Besser nicht öffnen und zurück damit. Kostet ja nichts. Zwei Tage später kriecht er wieder den Berg hinauf, der Gurken-Transporteur. Und dieses Mal gibt es Gegenverkehr. Es ist ein Kleinlieferwagen der Konkurrenz. Was macht der hier? Entweder er hat soeben Gurken gebracht oder er holt sie wieder ab.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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