Sepp Mall
Sepp Mall, Holz und Haut, Gedichte, Haymon Verlag, Innsbruck, 2020

Alle Facetten des Lebens

Drei Romane, etliche Erzählungen und Gedichte, ein Kriminalroman (mit weiteren AutorInnen), Stücke, Textbilder und Mitherausgaben entstanden in den letzten 40 Jahren. Vor kurzem erschien mit „Holz und Haut“ der jüngste Gedichtband von Sepp Mall.

Publiziert in 43-44 / 2020 - Erschienen am 15. Dezember 2020

der Vinschger: Herr Mall, können Sie überall schreiben?

Sepp Mall: Im Kopf schreibe ich überall, selbst im Auto, im Bett oder beim Radfahren – aber wenn ich mich hinsetze, dann am liebsten doch an meinem gewohnten Schreibtisch, wo meine Notizhefte liegen und mein Laptop steht. Trotzdem sind meine Texte an allen möglichen Orten entstanden, in Graun, in Innsbruck, in Wien oder Venedig. Man ist ja manchmal unterwegs. Wichtig sind mir aber nicht so sehr die Orte, sondern ob ich die Ruhe und Konzentration zum Schreiben finde, also Ungestörtheit und keine Ablenkungen durch Äußeres.

Es wird zuweilen düster in Ihren Gedichten. Ist das der Kreislauf des Lebens oder gestalten wir Menschen unser Umfeld selbst so dunkel?

Ich denke schon, dass das Schwere zu unserem Leben gehört, das Taumeln und Scheitern, genauso wie das Leichte und Heitere. Und manchmal sind es die Menschen selbst, die für das Düstere oder Unmenschliche verantwortlich sind, denken wir an die Leiden, die etwa Faschismen über andere bringen, oder an Hass und Ausgrenzung. Oft ist es auch das unabwendbare Schicksal, das das Leben verdüstert. Krankheit oder Tod, diesen Dingen kann niemand ausweichen. Und das macht Literatur aus, dass sich das Leben in all seinen Facetten darin widerspiegelt. Gerade die Gegensätze reizen und inspirieren mich als Autor.

Hätten Sie sich gewünscht, vom Schreiben leben zu können?

Mir war es ganz recht, dass ich neben dem Schreiben - mit Unterbrechungen - einen ordentlichen Beruf als Lehrer ausgeübt habe, meist in Teilzeit, aber immerhin. Das hat einerseits die Einsamkeit, die mit dem Beruf des Schriftstellers eng verknüpft ist, immer wieder abgemildert, zudem war mir der Kontakt mit dem „realen Leben“, den man in einem sozialen Beruf hat, äußerst wichtig. Und es hat eine relative materielle und soziale Absicherung bedeutet, was nicht zu unterschätzen ist.

Gibt es Wörter, die Sie sich selbst verbieten?

Nein, schon gar nicht prinzipiell. Wieso sollte ich? Auf einen Teil meines Arbeitsmaterials zu verzichten, das wäre kontraproduktiv. Natürlich wird man je nach Genre oder je nach Figur, etwa in einem Erzähltext, auf einen bestimmten Wortschatz verzichten, aber das hat mit rein poetischen Kriterien zu tun, nicht mit moralischen. Figuren oder Erzähler charakterisieren sich ja selbst durch das, wie sie sprechen, deshalb müssen für den Schriftsteller alle Wörter verfügbar sein.

Gibt es Wörter, vor denen Ihnen graut?

Wörter sind an und für sich unschuldig. Es sind eher bestimmte Denkhaltungen von Menschen, vor denen einem grauen kann, das ja, nicht die Wörter. Auch wenn sie ein Spiegel dieser Haltungen sind.

Themenbereiche, die Sie nie in einem Gedicht verwenden würden?

Es gibt sicher sehr vieles, über das ich nicht schreiben kann, das nicht zu meinem „poetischen Universum“ gehört. Aber im Grunde hat man keine Wahl. Das, was ich kenne, was mir nahe ist, über das kann ich auch schreiben, und in dieser Hinsicht will ich mir keine Verbote auferlegen. Höchstens eines: Keine realen Personen aus meiner Umgebung in meine Texte hineinschreiben, aus Respekt vor deren Leben. Der Wahrheit kommt man mit der Fiktion eh näher als mit allem anderen.

Ihre LieblingsdichterInnen unter den LiedermacherInnen?

Da gibt es nicht wenige, die ich gerne höre und die mich teilweise auch inspiriert haben. Angefangen von Jacques Brel über Wolf Biermann oder Franz Josef Degenhardt bis hin zu den italienischen Cantautori, Lucio Dalla oder Fabrizio de Andrè. Alles letztes Jahrhundert, aber immer noch wunderbar.

Sie werden im Dezember 65 Jahre alt, dieses Datum beschreiben Sie in einem Gedicht als ein Dazwischensein. Haben Sie miteinander streitende Welten in sich harmonisch vereinigen können? Kurz: Sind Ihre Äste biegsam?

Ich würde das gerne für mich in Anspruch nehmen, aber ob das gelungen ist, weiß ich nicht. Und ja, meine Äste sind biegsam, das glaube ich. Die Härte war mir nie ein besonderes Anliegen.

Beschäftigt Sie Politik sehr?

Politik war mir immer wichtig, sowohl als Bürger als auch als Schriftsteller. Ich lese Zeitungen und Wochenmagazine, sitze vor den Fernsehnachrichten und Politdiskussionen, ich nehme teil, intellektuell und emotional.

Veränderte sich mit der Zeit die Art und Weise, wie Sie gesellschaftspolitische Entwicklungen beurteilen?

Man wird mit dem Älterwerden vielleicht etwas milder im Beurteilen. Oder gelassener. Oder überlegt, ob es einen wirklich was angeht. Trotzdem gibt es weiterhin genug Dinge, die mich erzürnen oder beunruhigen, genauso wie es Entwicklungen gibt, die mich erfreuen. Die Fridays-for-Future-Bewegung der jungen Leute etwa, oder um im Lokalen zu bleiben, der starke Obervinschger Druck hin zu einer Bioregion. Und eine Sache, die mich wirklich beunruhigt, ist das Aufkommen von rechtspopulistischen Strömungen, wo Hass auf andere sozusagen zum Programm gehört und die eine Spaltung der Gesellschaft vorantreiben. Die Früchte dieser Entwicklung sind manchmal leider auch bei uns zu spüren …

Katharina Hohenstein
Katharina Hohenstein

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