Für den Bau des Staudammes erfolgte ein gigantischer Eingriff in die Natur. Blick auf die riesige Grube, aus der das Material für den Erdwall entnommen wurde. Auf dem Bild ist der Betonkern des halbfertigen Dammes erkennbar.
Zeitzeuge Peppi Plangger (verst. 2014) vor dem Alt-Grauner-Kirchturm.
Regisseur Georg Lembergh und Tonmann Martin Fliri filmen Eleonora Moritz geb. Eberhart beim Heuen auf den steilen Reschner Bergwiesen.

„Hinausgewässert wie die Mäuse“

Das Buch zum Dokumentarfilm „Das versunkene Dorf“

Publiziert in 44 / 2019 - Erschienen am 17. Dezember 2019

Graun - „Was ist das für ein See, in dem ein Kirchturm steht?“ Der einsam aus dem Reschenstausee ragende Kirchturm Alt-Grauns ist eines der beliebtesten Fotomotive Südtirols. Der See selbst wird für Wassersport aller Art genutzt, der jährliche Rechenseelauf ist eine populäre Freizeitveranstaltung. Doch für die älteren Dorfbewohner von Graun und Reschen ist das Leben mit dem See traumatisch. Viele von ihnen sind „Hinausgewässerte“, Vertriebene. Ihre Heimatdörfer Alt-Graun und Alt-Reschen wurden im Zuge der Seeaufstauung 1950 gesprengt und dann geflutet. Eine unschätzbare Kulturlandschaft, das gemeinsame Gedächtnis zweier Dörfer und die Heimathäuser von 120 Familien versanken in einem neuen, von staatlicher Ebene aufgezwungenen See. Im Buch von Fotograf und Regisseur Georg Lembergh und Historikerin Brigitte Maria Pircher wurden die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen in Wort und Bild aufgenommen. Zahlreiche, bisher teils unveröffentlichte historische und zeitgenössische Aufnahmen bereichern diesen eindrucksvollen und fundiert recherchierten Bildband. Er macht das kollektive Trauma der Dorfgemeinschaften im Rückblick spür- und erlebbar. Die für den Bau eines Wasserkraftwerks nötige Seestauung war eine Spätfolge der ab 1922 im Faschismus vorangetriebenen „Italianisierung“ Südtirols. Die Dorfbevölkerung wurde über die gravierenden Auswirkungen des Stauseebaus nicht ausreichend informiert. Als der Elektrokonzern Montecatini das Talbecken, in dem die Dörfer standen, erstmals probeweise und ohne Vorwarnung flutete, lebten die meisten Menschen noch in ihren Häusern. Sie wurden von der Flutung der Dörfer völlig überrascht; die Bauern konnten das Spätheu nicht mehr rechtzeitig einbringen. Der Alt-Grauner Friedhof hätte zudem ohne Exhumierung der Verstorbenen mit einer Betonschicht überdeckt werden sollen. Erst nach Protest der Bevölkerung ging man auf den Wunsch nach einer Umbettung der Toten ein. Ihrer Lebensgrundlage beraubt, verließen die Einwohner Haus und Hof und zogen in die hastig neu errichteten Dörfer Neu-Graun und Neu-Reschen an den Berghängen oder weiter fort. Wer keine Bleibe hatte, wurde übergangsweise in Baracken untergebracht.Die Eindrücke der letzten Hinterbliebenen der versunkenen Dörfer Alt-Graun und Alt-Reschen bilden das Herzstück des Buches und zeigen, wie der Heimatverlust sie zeitlebens betroffen und beeinträchtigt hat. Was bleibt, ist der Turm im See: Für die einen ein Kuriosum mit touristischem Potenzial, für die Vertriebenen ein Mahnmal.

Redaktion
Vinschger Sonderausgabe

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