Christian in seinem Atelier in Mérida, der Hauptstadt von Yucatan
Derzeit arbeitet Christian Stecher an einer Serie von Zeichnungen zu einem Text von Franz Kafka.

„Kann mit den Einschränkungen gut umgehen“

Die Antworten von Künstler Christian Stecher kamen promt. Bei 40 Grad Celsius Außentemperatur und Handwerkern im Haus gab der Maler aus St. Valentin auf der Haide Auskunft über die derzeitige Situation in Mérida im Bundeststaat Yucatan, wo er teilweise lebt. Coronainfos aus Mexiko.

Publiziert in 14/15 / 2020 - Erschienen am 21. April 2020

der Vinschger: Christian, du lebst in Mérida, der Hauptstadt von Yucatan. Wie ist eure aktuelle Situation?

Christian Stecher: In der Millionenstadt Mérida ist es im Moment ruhig, sehr ruhig sogar. Die Läden haben zum Großteil geschlossen, und wer nicht unbedingt auf die Straße muss, bleibt im Haus. Tourismus gab es in der ansonsten aufwändig zelebrierten Karwoche so gut wie keinen. Es ist schon eine sonderbare Stimmung in einer Stadt, in der sich das Leben zum Großteil draußen abspielt. Bis heute, 13. April, sind in México laut offiziellen Angaben 296 Personen an Covid-19 verstorben, die Dunkelziffer ist unbekannt. Bei einer Bevölkerung von 120 Millionen ist es also im Moment noch relativ ruhig. Für die Bevölkerung gibt es dennoch gravierende Einschnitte, besonders für den ärmeren Teil: Für die vielen Straßenhändler, Tagelöhner und für all jene, die vom Tourismus leben. Das wird besonders zum Problem, wenn diese Situation lange andauern sollte.

Wie gehst du mit den Einschränkungen um?

Ich persönlich kann mit den Einschränkungen gut umgehen. Sie treffen mich nicht besonders, ich bin viel im Atelier. Das Haus ist groß und einen Garten gibt es auch. Ich hoffe, dass ich gesund bleibe und dass die Situation nicht eskaliert.

Die Indigenen aus Südamerika z.B., wie jene in Brasilien, ziehen sich teilweise in schwer zugängliche Gebiete zurück, in Ecuador oder Kolumbien versuchen sie, ihre Territorien abzuriegeln. Wie sieht es mit den Indigenen im Vielvölkerstaat Mexiko aus?

Im Gegensatz zu Brasilien gibt es in México kaum indigene Volksgruppen, die isoliert leben. In Yucatán leben ca. 2,5 Millionen Mayas mit ihrer Sprache, ihren Kulten und ihren Bräuchen. Sie sind relativ gut vernetzt, auch was das Straßennetz betrifft – und das staatliche Gesundheitssystem funktioniert für lateinamerikanische Verhältnisse recht gut. Übrigens sind Mayas, was die Körperhygiene anbelangt, sehr genau und sehr streng. Ich wundere mich oft, wie aus armseligen Hütten solch saubere, gut gekleidete Personen kommen. In Mexiko Stadt ist der Shutdown eher rigoros, viele arbeiten von zu Hause aus, der gesamte Personen- und Autoverkehr hat sich um ca. 60 Prozent reduziert. Für Straßenverkäuferinnen und -verkäufer ein großes Dilemma: Sich vermehrt der Ansteckungsgefahr aussetzen – oder am nächsten Tag nichts zu essen haben. Dort multiplizieren sich die Probleme natürlich im Moment. Ein Beispiel ist die U-Bahn, die täglich von ca. sechs Millionen Menschen benutzt wird. Dort wird der geforderte Mindestabstand nicht eingehalten. Und wirtschaftlich wird es all jene treffen, die schon jetzt an der Armutsgrenze oder darunter leben.

Wie sieht es aus mit der Kriminalität auf der Straße? Allein im März 2020 wurden in Mexiko 2.585 Menschen ermordet, 2019 waren es getötete 35.000 Menschen. Gibt es angesichts der Notverordnung diesbezüglich Veränderungen?

In México ist die Kriminalität erschreckend hoch – Mérida ist in dieser Angelegenheit eine große Ausnahme. Im Moment ist die Kriminalität in den Medien nicht so präsent wie das Virus. Raubüberfälle auf der Straße gibt’s jetzt weniger, aber ich glaube, sonst hat sich nicht viel geändert – besonders, was die Drogenkriminalität betrifft. Ob sich die Kriminalitätsrate mit der neuen Situation ändert, muss man abwarten. Ich glaube nicht, dass sich viel ändern wird.

Gibt es Güter des täglichen Lebens, die in den Supermärkten knapp werden?

Im Moment gibt es kaum Hamsterkäufe und es gibt kaum leere Regale. Ich hoffe natürlich, es bleibt so.

Der mexikanische Präsident Lopéz Obrador kündigte an, die von der Coronakrise betroffene arme Bevölkerung sowie kleine und mittelständische Unternehmen zu unterstützen. Gibt es bereits konkrete Pläne?  

Ein schwieriges Thema. López Obrador ist mit dem Anspruch angetreten, die Korruption zu beenden und den armen Schichten endlich zu helfen: Mit Mini-Renten, Mini-Stipendien usw. – auch jetzt gehen seine Pläne anscheinend in diese Richtung. Die Unterschiede der Lebensbedingungen sind gewaltig. Aber ohne die Einbeziehung der mittelgrossen und großen Firmen wird ihm kaum gelingen, Arbeitsplätze zu halten oder neue zu schaffen.

Mexiko hat eine der höchsten Diabetesraten weltweit – und Fettleibigkeit als Volkskrankheit. Wie wird das höhere Risiko, dass Covid 19 auch deshalb bei vielen Menschen einen schweren Krankheitsverlauf nehmen kann, diskutiert?

Fettleibigkeit und Diabetes sind in der Tat Volkskrankheiten, ich denke, niemand auf der Welt trinkt soviel Coca-Cola wie die Mexikaner. Extrem kalorienreiche Produkte sind im Verhältnis sehr billig und überall zu bekommen – wieder etwas, das vor allem die ärmeren Schichten betrifft. Und für DiabetikerInnen ist das Virus bekanntlich besonders gefährlich. Diskutiert wird das wohl, was aber kurzfristig nicht sehr viel bringt.

Nimmst du Impulse aus dieser Zeit für deine Arbeiten auf?

Nein, eigentlich befasse ich mich nicht direkt mit dem Thema. Aber ich arbeite an einer Serie von Zeichnungen zu einem Text von Franz Kafka. Ich glaube, das geht in eine ähnliche Richtung.

Du wolltest bald in den Vinschgau zurückkehren. Diese Pläne werden sich nicht umsetzen lassen?

Ursprünglich sollte meine Rückreise im April sein, jetzt schaue ich, ob ich es Anfang Mai schaffe, doch auch hinter diesem Datum steht ein Fragezeichen. Aber was soll‘s: ob ich hier in Mérida oder im Vinschgau in Quarantäne bin, ist egal.

Katharina Hohenstein
Katharina Hohenstein

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